November

Eventbild für Qiwei Zhang // INTERFERING

Qiwei Zhang // INTERFERING

12.11.2017 – 30.11.2017
Yin Art Center Shanghai, Moganshan Rd. No. 97, Shanghai

Liebe Freunde und Kunstinteressierte, wir laden Sie herzlich zur Vernissage am 12. November um 16:00 Uhr ein.

Interference 
- Dieter Sturma

Die künstlerische Praxis verwandelt die Welt der alltäglichen Dinge und transformiert sie in Kunst. Keinem Objekt ist das Prädikat „Kunstwerk“ eingeschrieben. Künstler und Betrachter begeben sich in einen imaginären Diskurs und verwandeln etwas in ein Kunstwerk, was vorher nicht zur artworld gehört hat. Dieser Prozess lässt sich eindrucksvoll an den Arbeiten von Zhang Qiwei ablesen. Seine Arbeiten machen auch die Tiefe des Diskurses kenntlich, an dem die Künstler vergangener Zeiten genauso mitwirken wie zahllose anonyme Menschen, die über die Jahrhunderte hinweg an den Kunstwerken betrachtend vorbeigegangen sind. Ohne es zu wissen, haben sie in ihren positiven wie negativen Reaktionen an der Herausbildung und Etablierung einer artworld mit eigenen Gesetzmäßigkeiten mitgewirkt.

Innerhalb der Kunstwelt nimmt Qiwei eine privilegierte Stellung ein. Er ist ein Wanderer zwischen den Welten und schaut mit vertrautem Blick von Ost nach West genauso wie von West nach Ost. Das ermöglicht ihm, eine ganz eigene Konzeption von Eingriffen und Störungen zu entwickeln. Das zeigt sich eindrucksvoll an der Arbeit THE HOLE. Sie gibt den Blick auf einen Mann frei, der ein Hemd in den Farben Rot, Gelb und Blau trägt, und versunken auf eine leere Wand starrt. Farbliche Embleme der westlichen Kunst kleiden ihn, und es enthüllt sich ihm nicht, wie er sich dem Einfluss entziehen kann. Die leere Wand bietet nichts als Unbestimmtheit.

Qiweis interferences richten sich auf herkömmliche ästhetische Mechanismen genauso wie auf Facetten des Alltagslebens. Zwar werden viele bei THE HOLE zu Recht an Barnett Newmans WHO’S AFRAID OF RED, YELLOW AND BLUE? denken, aber wer weiß eigentlich, was Löffelblech ist? Auch in Europa wird man nur sehr selten eine Antwort darauf erhalten. In COHESION haben wir es mit diesem Emaille-Blech zu tun, das in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts in Holland hergestellt worden ist. 

Die Arbeit COHESION zeigt eindrücklich Qiweis Praxis der inferences and references. Divergierende Elementen wie „Löffelblech“, Bilder, geometrische Formen oder die Zahl 3, die zunächst für sich allein stehen, werden in ein umfassendes Bezugssystem integriert. Variationen mit der Zahl 3 ziehen sich insgesamt durch Qiweis Arbeiten. Eine ausdrückliche künstlerische Reflexion über die Zahl 3 ist die Arbeit TRIPTYCHON, die aus der Kunstgeschichte nicht nur den formalen Dreiklang aufnimmt, sondern auch Boschs berühmtes Gemälde GARTEN DER LÜSTE für Weiterbearbeitungen nutzt. Diese Elemente werden dann durch verfremdende Farbverläufe mit Alltagssituationen in Beziehung gesetzt. Auch in dieser Arbeit erfüllen geometrische Formen strukturierende Funktionen.

Die divergierenden Elemente seiner Arbeiten hält Qiwei durch formale Bezüge zusammen, bei denen arithmetische und geometrische Verhältnisse eine konstitutive Rolle spielen. Es ist ein Orchester von Formen am Werk, die aus der traditionellen und modernen Kunst genauso entlehnt werden wie aus der Geometrie und abgelegenen Nischen unseres Alltagsleben. Zur ästhetischen Syntax gehören narrative Einbettungen, temporale Perspektiven, Farbe, Materialität und vor allem die Isolierung von Funktionen. 
Die Virtuosität ästhetischer Eingriffe sollte uns nicht darüber hinweg täuschen, dass wir keineswegs frei darüber verfügen können, in welche Richtung sich unsere Gedanken bewegen. Das können wir aus der Inszenierung von Doppeldeutigkeit in der Arbeit FIX THE RAINBOW entnehmen. Das, was wir sehen, folgt nicht dem, was wir sehen wollen. 

Auch in der Arbeit TWIN TOWERS sind die Bezüge in die Kunstwelt offenkundig. Das Schlüsselwerk des Suprematismus, Malewitschs SCHWARZES QUADRAT, wird weiterentwickelt und in kaum auszumachende asymmetrische Verhältnisse gesetzt. Der Titel ist unheilverkündend. Wir assoziieren mittlerweile immer eine bestimmte Vorstellung von Zwillingstürmen, die im Dunkeln stehen. 

Qiweis System erzeugt keine oberflächliche Kohärenz. Es ist vielmehr ein System von Inkohärenz und Brüchen. Seine Eingriffe und neuen Zusammenstellungen zielen nicht auf Einheit oder Repräsentation, sondern auf meta-textuelle Verbindungen. Dabei greift er schließlich doch auf ein traditionelles Mittel der Malerei zurück: er lässt Grenzziehungen zu. Am Ende kann er aber doch darauf vertrauen, dass seine meta-textuellen Konstruktionen open field erreichen.


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