Veranstaltungsreihen und Projekte

Münster Lectures / Wintersemester 2016/17

Eventbild für Münster Lecture // Anselm Franke

Münster Lecture // Anselm Franke

06.12.2016 18:00, Hörsaal Kunstakademie Münster, Leonardo-Campus 2, 48149 Münster

Kooperation mit Skulptur Projekte Muenster 2017

Liebe Freunde und Kunstinteressierte, wir laden Sie herzlich zur Münster Lecture mit Anselm Franke ein.

Diese Lecture findet in Kooperation mit Skulptur Projekte Muenster 2017 statt.

 

Zur Grund- und Bodenlosigkeit der Kunst

Grund- und Bodenlosigkeit sind vielseitig mehrdeutige Worte. Ein Grund ist Ursprung oder Ursache; aber auch der rekursive Hintergrund im Bild, und damit Träger jeglicher Figur in visueller Wahrnehmung und Repräsentation. "Bodenlos" dagegen ist ein Ausdruck angesichts eines unhaltbaren oder abgründigen Verhaltens, oder einer unlösbaren Situation. Das Wortpaar "Grund- und Boden" dagegen verweist auf territorialen Besitzstand, auf materielle und traditionelle Werte, auf Verankerung und lokale Sinnkultur und deren normative, naturalisierte Standards.

Der Titel "Zur Grund- und Bodenlosigkeit der Kunst" verweist zuerst auf eine Reihe von Fremd- und Eigencharakterisierungen der Kunst der Moderne. Vielleicht ist Grund- und Bodenlosigkeit gar ein charakteristisches Merkmal der modernen Kunst, zwischen Skandal und Nihilismus, Konstruktivismen und negativer Kritik, universalistischen Projektionen und Experimenten mit den Gesetzen visueller Wahrnehmung. Auf die zeitgenössische Kunst bezogen allerdings liegen noch einmal andere Bezüge nahe. Ist es nicht ein Merkmal der zeitgenössischen Kunst, den alltäglichen Wahrnehmungen den Grund und Boden zu entziehen; im Sinne einer ontologischen Destabilisierung? Muss zeitgenössische Kunst nicht permanent überkommene, normative Begriffe von Wirklichkeit unterlaufen, um die Gründe von Wirklichkeitskonstruktion und Repräsentation zum Experiment hin zu öffnen?

Wie aber sieht eine solche Öffnung heute noch aus? Ist das Offene des Kunstwerks nicht selbst zur Konvention geworden, zum sprichwörtlich flottierenden Signifikanten, der wie das Geld das Lokale abstrahiert und in die globale Zirkulation einspeist? Und gibt es Wege, den konkreten Weltbezug in der Kunst zu verteidigen, und trotzdem auf der semantischen Offenheit und konstitutiven Grund- und Bodenlosigkeit der Kunst zu bestehen?

Anselm Franke wird diese Fragen anhand konkreter Beispiele aus von ihm verantworteten Ausstellungsprojekten behandeln. Dazu gehört u.a. die Taipei Biennale 2012, sowie ein mit Tom Holert für 2018 am HKW geplantes Ausstellungsprojekt zu Carl Einstein.

Anselm Franke lebt und arbeitet als Kurator und Autor in Berlin. Er ist Leiter des Bereichs Bildende Kunst und Film am Haus der Kulturen der Welt und war dort Ko-Kurator des „Anthropozän-Projekts“ (2013–2014) sowie der Ausstellungen „Animismus“ (2012), „The Whole Earth“ und „After Year Zero“ (beide 2013), „Forensis“ (2014), „Ape Culture/Kultur der Affen“ (2015) und „Nervöse Systeme“ (2016). 2012 kuratierte er die Taipei Biennial und 2014 die Shanghai Biennale. Frankes Ausstellungsprojekt „Animism“ wurde von 2009 bis 2014 in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kollaborationspartnern in Antwerpen, Bern, Wien, Berlin, New York, Shenzhen, Seoul und Beirut gezeigt. Zuvor war Franke Kurator an den KW Berlin und Direktor der Extra City Kunsthal in Antwerpen. Er provomierte am Goldsmiths College, London.

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