Page 115 - Almanach2020
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 »Malerei 20«
Seit 2004 zeigt die Ausstellungsreihe »Malerei«, wie sich das Medium selbst immer wieder infrage stellt und erneuert. Sie macht deutlich, wie Malerei über alle Diskussionen hinweg bei sich bleibt, zugleich an den zeitgenössischen Entwicklungen teilnimmt und daraus eine Zukunftsperspektive entwickelt. Als Kulturarbeit in der Region, unterstützt durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), findet die Ausstellung jedes Jahr an einem anderen Ort in Westfalen statt. 2020 wählte die Jury, bestehend aus Prof. Dr. Erich Franz und Prof. Dr. Ferdinand Ullrich (beide Kunstakademie Münster), Dr. Friederike Maßling (LWL) und Dr. Susanne Conzen (Städtische Galerie Lüdenscheid), die Künst- lerinnen Lisa Dohmstreich, Irina Martyshkova, Harine Suthan und Jie Xu aus.
Auszüge aus dem Katalog zur Ausstellung:
»Ich suche gezielt die Herausforderung des großen Formats; will mich auch körperlich in einen Malprozess einschreiben, den ich nur noch begrenzt kontrollieren kann – um mich im Ergebnis selbst zu überraschen«, kommentiert Lisa Dohmstreich ihre Feldforschung, die man sich als allmähliche Verfertigung der Bilder beim Malen vorstellen darf. So diffundieren ihre Farbräume in die Ausstellung hinein, scheinen sich über Bildträger, Wände und Boden zu ergießen und nehmen den gesam- ten White Cube als konstituierenden Rahmen in Dienst. Die vielstrapazierte Phrase des Kunstjargons, dass ›ein Raum bespielt‹ würde – in Lisa Dohmstreich findet sie eine selten prototypische Protagonistin.
Jens Bülskämper
Farbe und Linie: seit Jahrhunderten standen sie für gegnerische Positionen in der bildenden Kunst.
Irina Martyshkova hat sich nicht entschieden. (...) Martyshkovas Bildnotizen leiten die gegensätzlichen Sichtweisen überraschend und zugleich wie selbstver- ständlich ineinander über. Sie prallen nicht als Gegen- sätze aufeinander. (...) Die Bewegungen in Martyshkovas Bildern erscheinen mir sprunghaft, atemlos, manchmal auch versonnen, hintergründig, rätselhaft. Ein Rhyth- mus aus Formen entsteht – und verliert sich, eine Se- quenz bricht ab. Stattdessen geschieht etwas anderes: Meine Sichtweise verwandelt sich. Mein Blick treibt zwi- schen Malerei und Zeichnung weiter, in anderen Arbeiten auch zwischen Collage und Pinselspur, zwischen harten Brüchen und weichem Fließen, zwischen greifbarer Farb- materie und ungreifbarem Farbraum, auch zwischen Bild und Wand. Ich erkenne nichts sicher, auch nicht Linien oder Farben. Aber ich erlebe beim Sehen etwas anderes: sinnliche Prozesse, die ich nicht erwartet habe. Und die mich faszinieren, bevor ich sie verstehe.
Erich Franz
Städtische Galerie Lüdenscheid 06.12.2020–14.02.2021*
Künstlerinnen:
° Lisa Dohmstreich ° Irina Martyshkova ° Harine Suthan °JieXu
   *Ursprünglich geplante Laufzeit. Ausstellung wurde aufgebaut. Tatsächlicher Präsentationszeitraum wegen der Corona-Maßnahmen verschoben.
Von Harine Suthan gibt es Bilder, die sie in »digitaler Ölfarbe« gemalt hat. Die meisten sind im März 2020 entstanden – gleich zu Beginn des ersten Lockdowns, verursacht durch die Covid-19-Epidemie. (...) Suthans Arbeiten, die sie 2020 mit dem »Apple Pencil« auf dem iPad Pro realisierte, zeigen eine skizzenhaft leichte Pinselführung, deckende Farben, weich auslaufende Schraffuren und leuchtende Glanzlichter. Der »hand- schriftliche« Duktus und die deutlichen »Pinsel«-Spuren regen dazu an, die skizzenhaften Angaben beim Betrach- ten zu ergänzen. Man sieht mehr, als tatsächlich gemalt ist: Körperlichkeit, Materialität, Licht und Schatten, räumliche Nähe und Ferne. (...) Es ist fast Malerei, fast ein Ergebnis auf festem Grund. In traditioneller Hinsicht sind die Gemälde nicht »echt«. Aber – mit jüngeren Augen gesehen: Sind sie nicht wiederum sehr echt? Sehr real? (...) Auch diese Bilder (...) sind Originale. Die Künstlerin achtet darauf, dass es nur eine einzige Datei gibt: das Original. Sie hat bewusst Farben gewählt, die nur digital existieren. Reproduktionen können es nicht erreichen. Eigentlich existiert das Original auch nicht auf dem Bildschirm, sondern – wie bei handgemalter Ölmalerei – in meiner sinnlichen Erfahrung.
Erich Franz
         




















































































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