Page 122 - Almanach2020
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 Mira Reeh
»Rumänien«
Aus Mitteln der Qualitätsverbesserungskommission können zwei (Reise-)Stipendien in Höhe von maximal je 2.500 € pro Jahr vergeben werden. Die Entscheidung über die Vergabe wird von einer ProfessorInnen-Kom- mission getroffen. Die Grundidee des Stipendiums ist es, den Studierenden eine Auseinandersetzung mit Orten, Kulturen und künstlerischen Szenen zu ermöglichen.
Was hängt an der Wand, ist grün und pfeift? ...
Ein Hering!
Ein Hering hängt doch nicht an der Wand. Hängst ihn halt dran.
Ein Hering ist doch nicht grün. Dann malst ihn halt an.
Aber er pfeift doch nicht.
Na und?
Von Münster bis zum Schwarzen Meer, einmal durch halb Europa. Deutschland – Rumänien. Meine Reise trug mich, entlanggehangelt an Stationen der Lebensreali­ täten von Teilen meiner Familie, durch Süddeutschland über Wien, Ungarn nach Osteuropa, rückwärts. Vom Seniorenheim für Siebenbürger Sachsen im Bergischen Land zu einer Kleinstadt nahe Heilbronn, in der das gro­ ße Leben zu Ende ging, in der meine Großeltern dreißig Jahre lang in ihrem Verfolgungswahn schwelgten, in der mein Großvater am Ende seiner Karriere Zeichnungen
Reisestipendium 22.07.–05.10.2020
in seinem Wahn nur noch zur Hälfte vollkritzelte, das lag an seinem Schlaganfall; aber die Leere hat etwas Bezeichnendes.
Von dort nach Wien, das Tor des Ostens – oder des Westens –, wie man es will. Ich finde die große Kunst des Westens und den Goldschmuck der Daker. Nach Ungarn, dann Temeswar, Timișoara, Temesvár, Rumänien. Von industrieller Kleinstadt zu industrieller Kleinstadt, ich schaue mir die in meiner Vorstellung hässlichsten Städte des Landes an. Dann Hermannstadt, hier ist das öster­ reichisch­ungarische Reich noch nicht verschwunden, hier kommen die Kultivierten her. Dörfer, Kirchenburgen. Ich fahre über eine Passstraße in die kleine Walachei, mir wird gesagt, dass ist der richtige Osten. Rückkehrerin in dritter Generation. Eu vreau să învăț limba română, ich will rumänisch lernen, lese rumänische Gedichte. Ohne Sprache fehlt mir auch die Sprachkultur. Die Sorge, mein deutsches Kennzeichen könnte mir Probleme bereiten, löst sich schnell auf, denn deutsche Kennzeichen sind die zweithäufigsten, besonders an großen, schwarzen Mercedes oder silbernen Dacias mit Stufenheck. Je weiter ich fahre, desto mehr wird mein Auto zur Skulp­ tur, zu einer Kapsel, die mich umhüllt, wird zu einer gezeichneten Skulptur, es fängt an auszusehen, wie die Zeichnungen, die ich in ihm transportiere. Zwischen Subjekt und Objekt, das Auto nähert sich langsam mir, dem Subjekt. Ich bin (in) Europa.
Mira Reeh
    P-R-E-I-S-E / S-T-I-P-E-N-D-I-E-N 120
 



















































































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