Page 138 - Almanach2020
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 Jiyeon Kang
»Zwei Räume«
Quer durch den Wewerka Pavillon ziehen sich zwei Wände aus hängenden Stoffbahnen. Auf der einen Seite farben- froh und luftig, auf der anderen Seite dunkel und schwer. Weich, und theoretisch durchschreitbar, versperren die parallelen Wände den Blick durch die Fensterfronten und zeichnen neue Räume in die gläserne Architektur. Durch eine Lautsprecher-Erzählung der Künstlerin erhält die formal klare und raumgreifende Installation noch eine weitere Dimension. Jiyeon Kang entwirft mit ihrer Arbeit »Zwei Räume« ein Erinnerungsbild an ihre Kindheit in Südkorea. Angegliedert an das Elternhaus, hatte ihr Vater eine kleine Schneiderei und ihre Mut- ter ein Kleidungsgeschäft, welches in zwei separaten Räumen maßgeschneiderte Kleidung für Männer- und Frauenkleidung im westlichen Modestil anbot. Neben den subjektiven Empfindungen beim kindlichen Verstecken zwischen geblümten Kleidern und Anzugstoffen sind der Künstlerin die starken Kontraste der Farben und der jeweils vorherrschenden Atmosphäre in den beiden
02.09.–25.10.2020
   Räumen in Erinnerung geblieben. Streng voneinander getrennt, zeichneten sich dort gesellschaftliche Mikro- kosmen ab, die ein festes Rollenverständnis von Mann und Frau widerspiegelten und für das jeweils andere Geschlecht unzugänglich blieben.
Sind die ursprünglichen Räume heute im Hinter- grund der Geschichte verschwunden, zeigen sie sich im Pavillon als spannende bildhauerische Arbeit mit einer abstrakt-malerischen Qualität. Das haptische Gefühl, welches beim Berühren der Stoffe spürbar würde, bleibt dabei für die Betrachtenden hinter dem Schaufenster verborgen.
Jiyeon Kang
wurde 1986 in Südkorea geboren. Seit 2015 studiert sie an der Kunstakademie Münster, seit 2016 in der Klasse von Prof. Aernout Mik. 2019 wurde sie zur Meisterschülerin ernannt.
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