Page 151 - Almanach2020
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Sommersemester 2020 auf Distanz
Zeichnerischer Dialog zwischen Kunststudierenden und Schulkindern
Eine dialogische Erprobung auf sozialer Distanz er- eignete sich mit Studierenden und einigen Kindern aus der Lerngruppe der »Adler« (3./4. Jahrgang). Aufgrund der besonderen Situation sollten neue Sichtweisen auf kulturelle Alltagspraxen zu gesellschaftlichen Verände- rungen in Krisenzeiten untersucht werden:
Wie sind kollektive Erfahrungen der sozialen Distanz in der gegenwärtigen Situation der Corona-Pandemie überhaupt möglich? Was hat sich verändert? Und welche positiven Chancen bieten sich für unser Zusammenleben?
Als Untersuchungsgegenstand dieser Fragen er- möglichten individuell erstellte Bildmaterialien wie Zeichnungen, Fotos, Videos, Textcollagen etc. im digi- talen wie analogen Format einen Austausch zwischen den Beteiligten. Anhand der entstandenen Produkte rückten die eigenen und kindlichen Ausdrucks- und Darstellungsformen (selbst-)reflexiv in den Blick. Die ästhetischen Auseinandersetzungen schafften einen Raum zur stillen Diskussion und regten dazu an, ak- tuelle Wertvorstellungen zu überdenken und zu einem gesellschaftskritischen Diskurs anzustiften. Dreizehn Paare aus Akademie und Schule waren in einer Art Brieffreundschaft an den Bildgesprächen beteiligt. Ein Beispiel dafür zeigt sich in dem dialogischen Austausch zwischen Christina Buttler & Emma.
Die Studentin lud das Kind Emma via E-Mail zu einer ersten ästhetischen Erfahrung ein, sich auf eine Spuren- suche an Orte zu begeben, an welchen die Grundschülerin aktuell besonders oft und gerne verweilt. Als Impuls- bild schickte Christina Buttler ihr nur die Ergebnisse von ihrer eigenen Spurensuche, ohne ihren Verweilort anzugeben (Abb. 02). Emma reagierte darauf mit einer Frottage auf Papier, auf welcher sie die Abriebspuren aus ihrem momentanen Lieblingsort (Abb. 03) zeigt und diesen Ort mit Garten benennt.
Ästhetische Erfahrungen in Corona-bedingten Zeiten und den damit zusammenhängenden Kontaktbe- schränkungen in einem digitalen Dialog auch auf Distanz machen zu können, wurde von Christina Buttler, wie sie in ihrem Reflexionsbericht schreibt, hier als bestmög- liche Chance wahrgenommen: »Der ästhetische Erfah- rungsprozess innerhalb unseres zeichnerischen Dialoges lag besonders darin, dass während des Austausches stets interaktiv auf Impulse der Lernenden sowie mir als Lehrende reagiert wurde.« (Christina Buttler: Auszug aus dem Reflexionsbericht, Sommer 2020, S. 5).
Auch die Rezeption von ästhetischen Produkten wie den Malereien und den Zeichnungen zwischen der Grundschülerin und der Studentin veränderte sich dadurch, dass diese digital über einen E-Mail-Kontakt ausgetauscht wurden und somit nur auf den kleinen leuchtenden Endgeräten zur Betrachtung kamen:
»Die Rezeption von Kunst verändert sich durch das Betrachten der Kunstwerke auf kleinen Handys oder Laptops. Plötzlich ist das private Zuhause nicht nur noch Wohn- und Schlafzimmer, sondern wird gewisser- maßen auch zu einem Hörsaal und gegebenenfalls auch zu einem Atelier.« (Christina Buttler: Auszug aus dem Reflexionsbericht, Sommer 2020, S. 6)
Antje Dalbkermeyer und Sabine Lenz
02
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01 Wintersemester 2019/2020
Foto von Rabia Caliskan: STREET ART // Nächster Halt: Fantasiewelt
02 Sommersemester 2020
Erde, Blüten, Gras auf Papier von Christina Buttler. Eine Spurensuche im Garten: Zeichnerischer Dialog zwischen Kunststudierenden und Schulkindern // Auszug aus der Brieffreundschaft von Christina Buttler & Emma
03 Jaxon Kreide auf Papier von Emma. Eine Spurensuche im Garten: Zeichnerischer Dialog zwischen Kunststudierenden
und Schulkindern // Auszug aus der Brieffreundschaft von Christina Buttler & Emma
Bildnachweise: Antje Dalbkermeyer / Kunstakademie Münster
            















































































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