Page 152 - Almanach2020
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 »ZOOM in ... on BioArt«
ZOOM-Meeting vom 12.11.2020. Ein Seminar mit vielen Gesichtern.
Das Thema Kunst mit lebendem Material, auch BioArt genannt, stößt in der Kunstakademie Münster seit der Münster Lecture von Dr. Jens Hauser am 28.11.2017 auf nachhaltiges Interesse bei den Studierenden. Im Sommersemester 2018 haben Prof.in Dr. Gerlach und ich eine transdisziplinäre Veranstaltung mit dem Titel »BioArt-lebende Materie als Medium« angeboten, bei der junge NaturwissenschaftlerInnen die Grundlagen der modernen Bio- und Gentechnologie vorstellten. Zu diesen wissenschaftlichen Grundlagen präsentierte ich entsprechende künstlerische Positionen (siehe auch Jahrbuch 2018).
Im Sommersemester 2019 und im Wintersemester 2019/2020 fanden BioArt-Praxis-Seminare in ver- schiedenen Instituten der Westfälischen Wilhelms-Uni- versität und im Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin statt. Hier konnten die Studierenden der Kunstakademie die praktische Arbeit in den Laboratorien kennenlernen und eigene Erfahrungen im Mikroskopie- ren, Pipettieren unter Reinluftbedingungen sowie den Umgang mit Bakterienkulturen in Kleingruppen von fünf bis sechs Personen erlernen und erfahren.
Die Verbindung von Wissen, das in der Seminarver- anstaltung präsentiert wurde, mit den praktischen Er- fahrungen und den menschlich wertvollen Begegnungen mit den jungen WissenschaftlerInnen wurde von allen Beteiligten als Gewinn empfunden. Die konstante Zahl von dreizehn bis fünfzehn Interessierten pro Semester scheint diesen Eindruck zu bestätigen (siehe Jahrbuch 2019).
Infolge der COVID-19-Pandemie konnte das geplante Praxis-Seminar im Sommersemester 2020 nicht in der vorgesehenen Form stattfinden. Eine aufgefrischte Form der Seminarveranstaltung aus dem Sommersemester 2018 wurde kurzfristig als Zoom-Meeting angeboten, zu dem sich siebzehn (SoSe) bzw. dreizehn (WiSe) Stu- dierende angemeldet haben.
In bewährter Weise vermittelten Frau Prof.in Dr. Barbara Kahl vom Institut für Medizinische Mikrobio- logie der Westfälischen Wilhelms Universität, Herr Dr.
Jan Bruder vom Max-Planck-Institut und Herr Michael Gasper vom Institut für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen der Westfälischen Wilhelms-Universität die wissenschaftlichen Grundlagen. Die von mir ausgewähl- ten künstlerischen Positionen erlangten in mehreren Fällen durch ihre naturwissenschaftliche Basis eine in der gegenwärtigen Pandemie besondere Aktualität.
Die Arbeiten von Paul Vanouse (www.paulvanouse. com) mit dem Titel »Deep Woods PCR« aus dem Jahre 2011 hatten die Polymerasekettenreaktion (PCR) zum Thema. Es handelt sich dabei um ein Verfahren, mit dem kleinste Spuren von Genmaterial unabhängig von ihrem Ursprung vermehrt werden können, um eine ausreichen- de Menge für eine Laboranalyse zu erhalten. Die Methode basiert auf einer thermostabilen DNA-Polymerase des Bakteriums Thermus aquaticus, das sich auch bei Tem- peraturen von 70°C noch vermehren kann. Karry Banks Mullis erhielt für diese Entdeckung 1993 den Nobelpreis. Dieses Verfahren stellt die Basis für den Nachweis von Coronaviren dar. 2020 wird der Weltmarkt für diese Methode mit einem Volumen von 7,8 Billionen Dollar beziffert bei einer geschätzten Wachstumsrate von 7–9 Prozent pro Jahr. Paul Vanouse hat in seiner Arbeit gezeigt, dass man eine PCR in drei Wassereimern auf einem Campingfeuer mitten im Wald durchführen kann und stellt mit seiner Arbeit die Frage, warum mit einem für die Menschheit so bedeutsamen, aber einfachen Verfahren so viel Geld verdient werden muss.
Die Künstlergruppe BCL um Shiho Fukuhara, Georg Tremmel, Yuki Yoashioka und Philipp Boeing (www.bcl.io) nutzt für ihre Arbeit Common Flowers/Flower Commons aus dem Jahr 2012 das Verfahren der RNA-Interferenz, um gentechnisch veränderte blaue Nelken, die auch in Deutschland verkauft werden können, in ihren ur- sprünglichen weißen Zustand zurückzuverwandeln. Diese doppelt manipulierten Pflanzen setzen sie dann wieder in der Natur aus. Mit ihrer Arbeit stellen sie die Frage, wem gentechnisch veränderte Pflanzen gehören und ob die doppelt veränderten Pflanzen durch die künstlerische Intervention wieder »natürlich« geworden sind. Das Ver- fahren der RNA-Interferenz hat augenblicklich größte Bedeutung bei der Suche nach einem Covid-19-Impfstoff.
Auch die in diesem Jahr mit dem Nobelpreis ausge- zeichneten Entdeckerinnen der Genschere CRISPR-cas9, Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, wurden in dem Seminar vorgestellt. Bakterien nutzen dieses Verfahren, um Angriffe durch Viren abzuwehren. Aus diesem Immunsystem der Bakterien haben die preisge- krönten Forscherinnen ein universelles Werkzeug für die Bio-und Gentechnologie entwickelt.
Anna Dumitriu (www.annadumitriu.co.uk) hat zum 75. Jahrestag der Entdeckung von Penicillin ein Damen- kostüm von 1941 mit aufgenähten Flicken versehen, die in einer Staphylokokken-Kultur gelegen hatten. Diesen Bakterien hatte sie mithilfe der Genschere das Resis- tenzgen gegen Penicillin herausgeschnitten. Die Staphy- lokokken waren also wieder gegen Penicillin empfindlich geworden. Anna Dumitriu hat mit ihrer Arbeit »Make Do and Mend« die Genschere nicht als Werkzeug zur Lösung der Probleme mit multiresistenten Keimen vorgestellt, sondern als kritische Frage an die Wissenschaft, ob nicht die Genschere bei unkritischer Anwendung ähnlich schnell stumpf werden könnte, wie die Antibiotika durch unkritische Anwendung unwirksam wurden. Fast alle
     T-A-G-U-N-G-E-N / W-O-R-K-S-H-O-P-S / K-O-L-L-O-Q-U-I-E-N 150






















































































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