Page 153 - Almanach2020
P. 153

Bakterien haben die Fähigkeit erworben, Resistenzen gegen Antibiotika zu bilden.
Günter Seyfried (www.polycinease.com/return-to dilmun/) hat mit seiner Arbeit »Return to Dilmun« 2017 als Künstler eindrucksvoll demonstriert, was wir uns unter dem Begriff »Off Target-Effekte« bei der Wirkung der Genschere vorzustellen haben. Die vermeintlich präzise Genschere kann Schnitte an Orten des Genoms ausführen, an die die Wissenschaft primär gar nicht gedacht hat.
Das aus der Not geborene Format des Zoom-Meetings hat sich sowohl aus der Sicht der Studierenden als auch nach Meinung der Dozierenden bewährt. In der intimen Gemeinschaft der auf einem Bildschirm vereinten Gruppe werden leichter Fragen gestellt und es kommen besse- re Diskussionen in Gang als in einem großen Hörsaal. Besonders bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass die Studierenden s. t. und nicht c. t. dem Zoom-Meeting beitreten.
Die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Kunst ist ein wesentliches Merkmal der BioArt. Für viele Menschen, insbesondere für WissenschaftlerInnen, ist es immer noch schwer zu akzeptieren, dass es soge- nannte »künstlerische Forschung« gibt und dass diese eine Wertigkeit besitzt, die außerhalb der traditionellen ästhetischen Kategorie liegt, die wir Schönheit nennen.
Nach einer Definition der UNESCO ist Forschung eine kreative, systematische Aktivität, um Wissen über den Menschen, die Kultur oder die Gesellschaft zu ver- mehren und mit diesem Wissen neue Anwendungen zu ersinnen.01 Roy Lichtenstein hat einmal gesagt: »Or- ganisierte Wahrnehmung, das ist es, worauf es in der Kunst ankommt«.02 Wenn also Kunst eine organisierte Wahrnehmung ist, dann ist künstlerische Forschung ein organisierter Prozess, eine kreative, systematische Aktivität. Organisierte Wahrnehmung und organisierter Prozess beschreiben Wissenschaft und somit kann auch künstlerische Aktivität Forschung sein.
Wenn KünstlerInnen in einem wissenschaftlichen La- bor mitarbeiten, müssen sie zunächst Wissen erwerben – knowing that. Sobald sie dieses Wissen in ihrer künst- lerischen Arbeit anwenden, kommt ein performatives Element hinzu. Aus dem knowing that wird ein knowing how. Diesem prozesshaften Erleben konnten wir in den BioArt-Praxis-Seminaren vor Ausbruch der Corona-Pan- demie nachspüren. Hier wurde das Substantiv Wissen zu einem Verb wissen.
KünstlerInnen schaffen alternatives Wissen, indem sie ihren künstlerischen, spielerischen Forschungsdrang und ihr oft nicht-lineares Denken mit streng naturwis- senschaftlichen Vorgehensweisen verbinden.
Wissenschaftliche Forschung ist ergebnisorientiert, künstlerische Forschung ist dagegen meist prozessorien- tiert und bedarf der Erläuterung. In der Praxis tut sich die Wissenschaft noch schwer mit der Beurteilung der künstlerischen Forschung.
Dort, wo WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen zusammenarbeiten, kann Forschung jedoch künstlerisch und wissenschaftlich sein und beides sogar gleichzeitig. Die Projekte von BCL und Anna Dumitriu sind dafür beste Beispiele. Lange Zeit bestand eine klare Trennung von Kunst und Wissenschaft. Die Wissenschaft suchte nach der Wahrheit und die Kunst war nur für die Schönheit zuständig.
Dank der Wiederannäherung von Wissenschaft und Kunst am Ende des 20. Jahrhunderts ist die Wissen- schaft heute zuständig für die Feststellung der Fakten und die Kunst schafft das Bewusstsein für diese Fakten und die damit verbundenen Probleme. Gerade in den Projekten der BioArt beschreiben WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen gemeinsam den Körper im Zeitalter der Biotechnologie, einem Hybrid zwischen organischer und technologischer Materie.
Dabei haben KünstlerInnen nicht nur die Möglichkeit, sondern die Verpflichtung, die Biotechnologie kritisch zu hinterfragen. Sie sind aufgerufen, sowohl ethisch als auch politisch Widerstand zu leisten. Dies ermöglicht es ihnen, gegenüber dem »Biopower-Komplex« aus Wis- senschaft, biotechnologischer Industrie und Politik eine Position der Mitbestimmung statt Fremdbestimmung einzunehmen. Durch den Einsatz biotechnologischer Methoden in BioArt-Projekten können KünstlerInnen mit der biotechnologischen Industrie auf Augenhöhe in- teragieren, sie kritisch hinterfragen und stören im Sinne einer Art ästhetischer Desorganisation.03
Die Begegnung mit der künstlerischen Forschung hilft auch der Wissenschaft. Ihre Forschung ist stets ergebnisorientiert, die prozessorientierte künstlerische Forschung ist ihr fremd. Aus der Begegnung mit künst- lerischer Forschung öffnet sich WissenschaftlerInnen jedoch ein neuer Blickwinkel auf die eigene Tätigkeit. Wenn sich wissenschaftliche und künstlerische For- schung begegnen, entsteht neben zusätzlichem Wissen auch noch Verstehen. Eine auf Verstehen basierende Forschungskultur in Wissenschaft und Kunst wäre ei- nes wahrhaft humanen Menschenbildes würdig. Ein auf Verstehen basierendes Bildungssystem wäre weniger anfällig für eine Vereinnahmung durch kurzsichtig funk- tionalistisches Verwertungsdenken der Marktwirtschaft und Forschungspolitik.04
Prof. Dr. med. Ralf Scherer
Literatur:
01 Klein J: Was ist künstlerische Forschung?
in: Stock, Günter (Hrsg.): Gegenworte 23, Wissenschaft trifft Kunst, Berlin- Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Akademie Verlag 2010, S. 25–28.
02 Lichtenstein R: Interview with GR Swenson, in: Swenson, Gene R. »What Is Pop Art? Answers from Eight Painters, Part I: Jim Dine, Robert Indiana, Roy Lichtenstein, Andy Warhol.«, ARTnews 62, no. 7, 1963,
S. 24–25, 62–64.
03 Benítez Valero L: http:// www.research-
arts.net und »Bioarte. Una estética de
la Desorganización«; Doktorarbeit der Philosophischen Fakultät der Universidad Autónoma de Barcelona, 2013
04 Romancci N C: Experimentieren als Forschung in Wissenschaft und Kunst, in: LaborARTorium, Forschung im Denkraum zwischen Wissenschaft und Kunst. Eine Methodenreflexion, hrsg. von Anna-Sophie Jürgens und Tassilo Tesche, transcript Verlag Bielefeld, 2015, S. 73–89
          












































































   151   152   153   154   155