Page 154 - Almanach2020
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 »Forschung zu professionsbezogenen Bildungsprozessen«
Tagungsbericht
10. und 11. Kunstpädagogisches Forschungs- kolloquium an der Kunstakademie Münster 01.–03.02.2020 / 26.–28.06.2020
Response auf den Raum im Gegenwärtigen, im Sich-Zei- gen und Zeigen von Bildern, nonverbal und in Sprache, im Blick auf Material und vor Werken, Leiblichkeit im Erinnern und im Wahrnehmungsvollzug: Das waren die Themen, die auf den diesjährigen kunstpädagogischen Kolloquien in Münster im Blick auf kunstpädagogische Vermittlungsprozesse mit phänomenologischer Ausrich- tung im Fokus standen. Forschende aus Deutschland, aus der Schweiz, Österreich und aus dem Iran haben sich 2020 zweimal über mehrere Tage getroffen. Im Zeitraum vom 1. bis 3. Februar, zeitgleich zum Rundgang der Kunstakademie Münster, und vom 26. bis 28. Juni 2020 in Form einer Online-Konferenz wurden gemeinsam Forschungsprojekte präsentiert und diskutiert. Eingela- den haben Prof.in Dr. Birgit Engel und Gastprofessorin Dr. Kerstin Hallmann von der Kunstakademie Münster sowie Prof. Dr. Tobias Loemke von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen.
Wie können die Potenziale und Herausforderungen, die mit künstlerischen, ästhetischen und kreativen Pro- zessen, d. h. auch mit Leiblichkeit und Sinnlichkeit ver- bunden sind, für Vermittlungs- und Forschungskontexte systematisch und wissenschaftlich fundiert genutzt werden? Diese Frage wird im Rahmen des langjährigen Kolloquiums aus unterschiedlichen, immer auch neuen Perspektiven von renommierten WissenschaftlerInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen insbesondere im Blick auf die kunstpädagogische LehrerInnenbildung und ihre Professionalisierung verfolgt und gemeinsam diskutiert.
Ausgehend von diesem Anliegen, zeigte sich eine große Vielfalt von Forschungszugängen: Begonnen mit den Erinnerungsbildern in der Begegnung mit der Vignettenforschung, weiterentwickelt in den Sprach- stücken, der phänomenologischen Materialanalyse, exemplarischer Deskription bis hin zur phänomenologi- schen Videografie. Als Gäste für die Kolloquien waren zwei Wissenschaftsexpertinnen der phänomenologi- schen Erziehungswissenschaft eingeladen: Prof.in Dr. Käte Meyer-Drawe im Februar und Prof.in Dr. Kristin Westphal im Juni.
Vorträge
Prof.in Dr. Käte Meyer-Drawe (Universität Bochum, IR) sprach in ihrem Einführungsbeitrag über den »Sinn, der sich nicht sagen lässt«. Hierbei hat die signifikative Differenz für die Unterscheidung zwischen Kunst, künst- lerischen/ästhetischen Formen des Wahrnehmens und Sprache eine wesentliche Bedeutung. Unsere Sinne und
unsere Sinnlichkeit ziehen uns in eine Erfahrungswelt, die etwas besagt, bevor wir es sagen können. Ästheti- sche Erfahrungen belehren uns darüber, dass wir etwas vergegenwärtigen können, ohne es zu interpretieren. Ihr Lebenselixier ist Sinn, der sich nicht sagen lässt. Derge- stalt rücken für phänomenologische Betrachtungen im Unterschied zu hermeneutischen die Widerstände des Begreifens, die unbestimmten, opaken und ambiguosen Dimensionen der ästhetischen Erfahrung in den Blick.
Prof.in Dr. Kristin Westphal (Universität Koblenz- Landau, IR) hinterfragte in ihrem Vortrag »Perfor- mancekunst als Raum bildender Prozesse in topophä- nomenologischer Perspektive« die Vorstellung eines Bildungsverständnisses, das Raumbildung als bloßen Aneignungsprozess begreift. Sie verfolgt die These, dass Raumbildung nicht nur als eine aktivische, son- dern auch passivische Erfahrung zu betrachten ist. Als Subjekt ist es aktiv, soweit es den Raumbildungsprozess hervorbringt, in dem es sich konkret befindet, und zu- gleich ist es Teil eines Kontextes, dem es sich erfahrend überlässt und über den es nicht vollständig verfügt. Anhand eines Dokuments aus einem Forschungsprojekt zu künstlerischen Residenzen im ländlichen Raum fragt sie nach den Herausforderungen für eine bildungstheo- retisch fundierte Raumforschung, wie eine künstlerische Praxis zu beschreiben, zu analysieren und zu rekontex- tualisieren ist, was sich wie in den Zwischenräumen zwischen Mensch und Raum vollzieht.
Die Frage der Bedeutung des Körpers in postdigi- talen Ordnungen und künstlerischen Praktiken erörtert Gast-Prof.in Dr. Kerstin Hallmann in ihrem Vortrag »Körper.Leib.Verstehen. Zur responsiven Leiblichkeit in Kunst und Bildung«. Aufgezeigt wurde, auf welch spezifische Art und Weise uns zeitgenössische perfor- mative Künste in der Verschränkung zwischen leiblicher Präsenz und digitaler Medialität adressieren und invol- vieren. Damit werden Phänomene der Selbstauslegung und Inszenierung, Leiblichkeit und Handlungsmacht, Partizipation und Interaktion in postdigitalen Kulturen thematisiert, die auch für Bildungsprozesse von Rele- vanz sind.
Vorstellung von aktuellen Forschungsprojekten
1. Response auf den Raum
Im Vortrag »Im Dazwischen von Selbst, Raum und raum- schaffender Architektur« von Dr. Simone Kosica stand ein phänomenologischer Zugang zu Schulraumerfah- rungen von GrundschülerInnen im Mittelpunkt. In mobil videografierten narrativen, von GrundschülerInnen angeleiteten Begehungen des Schulraums ereignet sich im Vollzug ein sinnlich-leibliches Antwortgeschehen zwi- schen SchülerInnen und (materiellem) Schulraum. Die- sem Antwortgeschehen hat sich Kosica im Rahmen ihrer abgeschlossenen Dissertation sowohl über eine miter- fahrende Sprache als auch anhand der Dokumentation sich zeigender Bewegung(en) angenähert und konnte sich so gegenüber der aktivischen und passivischen Seite der Schulraumerfahrungen von SchülerInnen öffnen.
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