Page 162 - Almanach2020
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 »Das Nest als sinnlicher Erfahrungsraum«
Performative Kunstvermittlung als Transformation des Raumes
Örtlichkeiten beinhalten Räume, die von und in uns bestimmte und unbestimmte Reaktionen auslösen und einfordern. Sie beeinflussen unser Handeln und Tun. Bewusstes Intervenieren im Raum und das Schaffen von Leerstellen gehört zu den Professionsaufgaben in der künstlerisch-pädagogischen LehrerInnenbildung. In Leerstellen können sich »andere Orte« entfalten, an de- nen Kreativität entfacht und selbstbestimmtes Handeln ermöglicht werden kann (Foucault). Die Heterotopie des Raums und der dadurch entstehende neue Ort entzieht sich den gesellschaftlich konnotierten Bedeutungen. Die prozesshafte Aneignung des neuen Orts/Raums ist wesentlicher Teil künstlerischer Erfahrungen und er- möglicht ästhetische Wahrnehmung.
Das Nest*: Ein Raum im Raum. Abgetrennt durch im Kreis herunterhängende rote, dünne Fäden. Sie verdich- ten sich in der Ferne und kreieren schmale, nach unten verlaufende Spalten, durch die das Geschehen im Inne- ren transparent gemacht wird. Ein roter kreisförmiger Teppich schließt an den Enden der Fäden an, bündelt die rötliche Farbe und formt eine konzentrierte Fläche der Unberührtheit inmitten des geselligen Treibens im Foyer. Kurze Blicke. Irritation. Die Besucher schieben sich um die kreisförmige Fläche. Fäden bleiben zeitweilig an ihnen hängen und gleiten nach einigen Schritten wieder in ihre ursprüngliche Position zurück. Manche verhed- dern sich mit anderen und bieten so größere Einblicke in den Raum.
Responsiv – unter diesem »Stern«, unter dem Geflecht des Nests der Kunstakademie Münster beim Rundgang 2020, stand der Performance-Workshop, den Jana Weigelt-Harth und Anne Hübecker durchführten. Als wissenschaftliche Hilfskräfte des Fachbereichs der Kunstdidaktik bei Prof.in Dr. Birgit Engel ging es in der Planung vor allem um die Fragestellungen: Wie können wir mit unseren Sinnen den Dingen, dem Ort und den anderen begegnen, sie anders und neu entdecken? Wie können wir als Kunstvermittlerinnen den künstlerischen Prozess selbst spürbar und erfahrbar machen?
So sollten sich die SchülerInnen durch initiierte Im- pulse motiviert fühlen, diese fortzusetzen, weiterzutra- gen, zu entwickeln, zu stoppen oder selbstständig neue anzustoßen. Eine gemeinsame, nonverbale Annäherung an die Künste mit unserer ästhetischen Wahrnehmung wurde angestrebt. Das spontane Agieren, d. h. weder zu planen, wie die Interaktion untereinander, noch unter den SchülerInnen abläuft, bildete das Fundament des kunstästhetisch-didaktischen Kontextes und ermöglich- te so einen offenen Wahrnehmungs- und Handlungspro- zess. Dies hatte zur Folge, dass die Nervosität kurz vor dem Startgong merklich anstieg.
Um »Das Nest« herum sind Sitzgelegenheiten auf- gestellt. Ein Kunstleistungskurs versammelt sich. Die meisten SchülerInnen haben einen Sitzplatz. Einige teilen sich einen Stuhl, andere stehen.
Jana übernimmt den aktiven Part und ich (Anne) darf mich hinlegen, mich von ihr herumdrehen, mit Matten umschließen und mit Klopapier einrollen las- sen. Seltsam, beobachtet zu werden, und doch schön, angenehm, behaglich, einfach im Nest zu liegen.
Der Teppich hat diesen Geruch, den neue Teppiche haben und der mich an mein Kinderzimmer aus einer anderen Zeit erinnert. Über mir, in meinem Blickfeld, kann ich die Fäden des Nests sehen, die bunten Farben und die hohe Decke des Foyers. Die hohe Decke gibt mir das Gefühl von Freiheit und beruhigt mich.
Meine Unsicherheit, mich vor vielen Menschen zu präsentieren, die Angst, vielleicht etwas falsch zu ma- chen, nicht ernst genommen zu werden, weicht einem Gefühl der Stärke, welches dem Raum geschuldet ist. Ich bin nicht mehr auf einer Bühne, sondern im Nest. Ich habe Lust, mich zu bewegen – zu erkunden – zu spielen. Die Klopapierlagen, die mich einschließen, zerreißen, als ich beginne, mich zu bewegen – mich zu rollen – mich zu strecken.
Jana führt mich umher mit geschlossenen Augen und gibt mich dann an eine Schülerin ab, indem sie diesem Menschen meine Hände in dessen Hand gibt. Die Aufregung der Jugendlichen nehme ich in Form von leisem Gelächter und Gemurmel wahr.
Jana beginnt, Materialien an die SchülerInnen zu verteilen, sie damit aufzufordern: Spielt mit uns!
... Und sie spielen mit.
Der Prozess wird vielschichtiger und spannender durch die vielen AkteurInnen, die beginnen, dem Nest ein neues Gewand zu verleihen. Es wird reagiert, sich untereinander abgestimmt, aufwendigere Ideen gemeinsam umgesetzt – und das nonverbal.
    T-A-G-U-N-G-E-N / W-O-R-K-S-H-O-P-S / K-O-L-L-O-Q-U-I-E-N 160
*Während des Rundgangs im Februar 2020 initiier- ten Studierende, Lehrende und KünstlerInnen im Foyer der Kunstakademie Münster »Das Nest«. Einen Raum, der für verschiedene Performativitäten ge- nutzt werden konnte. Auch Prof.in Dr. Birgit Engel lud zu einer Veranstaltung ein, bei der SchülerInnen eines Kunstleistungskurses dem Nest als künstleri- schen Erfahrungsraum begegnen konnten.



















































































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