Page 174 - Almanach2020
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 Prof. Klaus Merkel
»Ich weiß es ja, aber ich sag nix.«
Ruhestand / Sommersemester 2020
Mit vielen glücklichen Erinnerungen, aber auch einem wehmütigen Blick schauen wir zurück auf unsere ge­ meinsame Zeit mit Prof. Klaus Merkel, der nun seinen wohlverdienten Ruhestand mit Rebstock im Garten und viel Zeit zum Malen genießen kann.
Es erscheint nicht leicht, einen allgemein verständ­ lichen Text zu schreiben, war doch die Klasse Merkel bekannt für eine eigene Sprach­ und Sprechkultur. Gute schlechte Bilder, schlechte schlechte Bilder und Kitsch – Begrifflichkeiten, über die referiert und stets disku­ tiert wurde. Mit Gewissheit muss hier Klaus’ kunsthis­ torische und theoretische Expertise betont werden. Es erscheint schier übernatürlich, welches Wissen um die Kunstgeschichte Klaus abrufen kann. Klaus’ malerischer Position ist es zu verdanken, dass wir nicht bloß über die Malerei als Malerei sprechen, sondern diese vielmehr als diskursives Problem, als Fragestellung vor dem Hinter­ grund ihrer medialen Repräsentation in Bildern und der Kunstgeschichte betrachten.
Typische Äußerungen in den wöchentlichen Kol­ loquien lauteten: »Ich weiß es ja, aber ich sag nix.«, »Leute, Leute«, »Jessas Maria!« – auch das Anfassen der Arbeiten gehörte zur üblichen Prozedur. Aber auch mit wichtigen und unvergesslichen Ratschlägen konnte Klaus stets helfen: »Als KünstlerIn muss man sich ent­ scheiden, ob man Schicksal oder Episode bleibt. Es gibt zwei Arten, einen Sternenhimmel zu malen. Entweder man malt zuerst den Grund und dann die Sterne oder man malt den Grund um die Sterne herum.«
Wir schätzten besonders die Einzelgespräche, die Klaus uns anbot, ermöglichten sie doch einen intensi­ ven Austausch über die eigene Arbeit und förderten das persönliche Verhältnis. Obligatorisch war auch der Notizzettel, den Klaus während der Gespräche anfer­ tigte – einem Protokoll ähnlich, versehen mit künst­ lerischen Referenzen. Diese Notizzettel stellten einen unschätzbaren Wert dar und zeugten von einem äußerst sensiblen Gespür für die einzelnen Studierenden und ihre Arbeiten. Welch sensibles Gespür Klaus hat, merkte man besonders bei der Aufnahme in die Klasse. In einem ersten Gespräch bekam man den Eindruck, Klaus kenne einen besser als man sich selbst kenne. Auch muss man Klaus’ Bemühungen erwähnen, seine Studierenden mit allen Mittel zu unterstützen. Die vielen Empfehlungs­ schreiben und Gutachten und auch der rege Mailkontakt, der einen Austausch über die Woche ermöglichte, müs­ sen genannt werden. In den Sommermonaten etablierte Klaus das »Gartenkolloquium«. Thematische Schwer­ punkte waren etwa Klaus’ malerisches Umfeld der 80er­Jahre oder das Ausstellungs­ und Galeriewesen im New York der 90er­Jahre. Als Gäste wurden Jonathan Lasker und Hans­Jürgen Hafner geladen. Als offenes
Format war unser Gartenkolloquium allen Studierenden der Kunstakademie zugänglich.
Mehr als unermüdlich, stets mit Kamera bewaffnet, erschien Klaus vor allem auf unseren gemeinsamen Exkursionen. 2016 reiste die Klasse nach New York. Mit einer unglaublichen Energie führte Klaus uns durch die Galerie­ und Museenszene des Big Apple und zeigte uns seine Geheimtipps. Tagsüber gab es volles Programm! Highlights waren die Atelierbesuche bei Klaus’ Maler­ kollegen David Reed, Gary Stephan, Louise Fishman und Wendy White. Abends kochten wir gemeinsam in unse­ rer Unterkunft und ließen den Tag mit unterhaltsamen Gesprächen und Dosenbier ausklingen. New York hielt so wahnsinnig viel für uns bereit – die vielen Eindrücke und Einblicke in die Kunstszene waren ganz besonders. Ohne Klaus wären wir in diesem Gewusel jedoch gewiss ziemlich verloren gewesen!
Obligatorisch war der Besuch der Art Cologne als Semestereinstand. Klaus erarbeitete am Eröffnungs­ abend einen Schlachtplan und lotste uns einen Tag später gekonnt zu den wichtigsten Anlaufpunkten. Das aktuelle Marktgeschehen wurde betrachtet und disku­ tiert. Weitere Exkursionen führten uns z. B. nach Aachen und Gent, Bonn, Düsseldorf, Bielefeld oder nach Berlin, wo Jochen Kienzle uns seine Privatsammlung präsen­ tierte. Leider fiel die letzte große Exkursion – geplant waren zwei Wochen Florenz – der Pandemie zum Opfer. Doch Klaus konnte im Herbst 2019 in Montepulciano im Rahmen des Kollegs der Künste die Luft und die Weine der Toskana erleben.
Unsere Projekte zum jährlichen »Rundgang«, wie etwa Potlach, rapid eye movement, Haare leck mein Holz oder Bambini, unterstützte Klaus stets mit beratender Funktion. Nicht nur einmal schwang er dabei auch das Tanzbein. Klaus’ letzter Rundgang vollzog sich unter dem Titel Merkel sagt. Ähnlich der Einzelgespräche, gab Klaus uns jeweils einen persönlichen Denkansatz, der individuell bearbeitet und schließlich mit den anderen Positionen der Klasse zusammen kuratiert wurde – un­ sere erste richtige Ausstellung zum Rundgang.
Ein Höhepunkt war auch die gemeinsame Ausstel­ lung in der Kunsthalle Düsseldorf 2017. Neben einigen Einzelpositionen zeigte die gesamte Klasse mit .zip – den Rundgang von 2016 rearranged – ein kompromittiertes Bilderarchiv. Die Finissage mit Künstlergesprächen wurde mit reichlich Schlösser­Alt im »Ohme Jupp« fortgeführt. Besonderheit an der Ausstellung war, dass Klaus, parallel zur Klasse, auf der Empore der Kunst­ halle mit drei Werken des Master Slave System vertre­ ten war. 1988 zeigte er gegenüber, im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, seine Einzelausstellung (fröhlich). Anlässlich unserer Ausstellungsbeteiligung mit MS-Extrablock als Teil der Wanderausstellung In- ter-Youth/Letter from the East in Shenyang, Suzhou und Hangzhou, reiste Klaus als Vertreter der Klasse nach China. Apropos Beziehung zum Osten: Seit 2014 hat Klaus aktiv an dem Austauschprogramm zwischen der Kunstakademie Münster und einigen chinesischen Kunsthochschulen mitgearbeitet. Er nahm viele chinesi­ sche Austauschstudierende auf. Die offene Haltung und die entschlossene Ausrichtung von Klaus haben die Ein­ stellung von vielen Studierenden mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zur Kunst verändert. Man kann sagen, Klaus hat ihnen eine andere Tür geöffnet.
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