Page 182 - Almanach2020
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 Alina Inserra
»Neues Wir«
Alina Inserra sah die Einschränkungen des Corona-Lock- down nicht als Problem, sondern als produktive Heraus- forderung und eröffnete einen virtuellen Raum anstelle eines konventionellen Ausstellungsraums. Die architek- tonischen, skulpturalen und performativen Qualitäten dieses Raumes erforschte sie in ihrer Examensarbeit »Neues Wir«. Sie entwickelte eine scheinbar grenzen- lose Webseite, die sich innerhalb des Universums des Bildschirms in alle Richtungen ausdehnte: ein komplexes Netzwerk aus Gängen, schwirrenden Pfaden, Umkeh- rungen und Sackgassen. Wir wurden in eine digitale Landschaft hineingezogen, die uns voller Versprechun- gen erschien. Jeder nächste Schritt wurde scheinbar von uns, seinen Benutzenden, aktiviert, in Wirklichkeit aber von der Mechanik der Webseite selbst auferlegt.
Sounds, Pop-ups, Animationen, Bilder, laufende Texte und plötzliche YouTube-Links ziehen uns weiter in einen endlosen mentalen Sumpf – eine Verhöhnung unseres täglichen Gebrauchs des Internets; ein Ort der »freien« Erkundung, der nie ohne Intoxikation und Manipulation auskommt. In ihrer Webseite führt sie die NutzerInnen auf Wegen zur Auflösung des Egos, die sich in Situationen der Kontrolle fast unbemerkt verwandeln. Es entsteht eine vorgetäuschte, konstruierte Intimität zwischen der Webseite und ihrer/ihrem NutzerIn, aus der meist eine abhängige Geschäftsbeziehung resultiert. Wo die privatesten Momente, von existentiellen Emotionen und Gedanken bis hin zum eigenen Orgasmus einer Frau, zu einer kommerzialisierten Präsenz werden. Aber sie zeigt uns diese schmerzhaften Prozesse immer poetisch und mit spielerischem Witz und macht sie zu einer fröh-
23.06.2020
   lichen Kritik. In »Neues Wir« wird vor allem die Stellung und die Manipulation von Frauen thematisiert.
Damit sind die spezifischen Marktbereiche des Internets gemeint, die so gestaltet sind, dass sie ver- meintliche Wünsche hervorrufen und ausnutzen sollen.
Sie zeigt auf subtile Weise, wie hier Analogien und direkte Verbindungen zwischen Religion, Selbstopti- mierung, Esoterik und Kapitalismus gefunden werden können. Während wir uns durch den digitalen Raum des »Neuen Wir« bewegen, verlieren wir uns in einem wil- den Cocktail aus alten diskriminierenden Bibeltexten, Internet-Algorithmen, die geschlechtsspezifische Un- gleichheiten produzieren, tendenziösen pädagogischen Kinderprogrammen, als Poesie getarnten Anleitungen zur Suche nach innerer Ruhe, McDonald’s Missbrauch des Frauentags, einer Suche nach Sex und emotionaler Befreiung, einem eindringenden E-Mail-Kontakt mit ei- nem Bestattungsunternehmen und vielem, vielem mehr. Können wir da wieder herauskommen? Sind wir ein neues Wir geworden?
Aernout Mik
(Übersetzung aus dem Englischen)
Alina Inserra
Geboren 1994 in Frankfurt am Main. Seit 2014 an der Kunstakademie Münster. Studierte bei Prof. Aernout Mik. Seit 2020 Meisterschülerin.
https://alinainserra.wixsite.com/portfolio
    01– 06 Stills »Neues Wir«
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