Page 184 - Almanach2020
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 Judith Kaminski
»Missing Information«
Blüten sind Naturwunder, künstliche Gebilde, die per- fekte malerische Vorstellungskraft entfalten. Sie sind abstrakt, bizarr, verführerisch und unheimlich zugleich.
Der Wewerka Pavillon in der Parklandschaft in Münster gleicht im Sommer 2020 einem Glashaus im Grünen. Riesige Blumenblüten sind schon aus der Fer- ne auszumachen. Im Inneren dieses »Gewächshauses« prangen jetzt auf Stellwänden, wie man sie aus der Außenwerbung kennt, vier Großplakate mit je einer einzelnen Blüte, scharf gezeichnete Formen, wie zum Anfassen – und dennoch verstörend. Von der Nähe spiegeln die Glasflächen derart massiv in die Installa- tion hinein, dass sich Bildtafeln, Motive und Umgebung gegenseitig auslöschen.
Judith Kaminski ist dabei, das Bildermachen herauszufordern. Hier, an der fragilen Realität der »Installation von Natur« in all ihren Facetten, setzt ihre Untersuchung ein. Hier testet sie die ästhetischen und konzeptionellen Möglichkeiten einer gültigen Verbindung zwischen analoger und digitaler Bildgenese.
Blüten setzt sie als überdimensionale »virtuelle Er- findungen« ein. Mit allen Gegensätzen und Spannungen
30.06.2020
   werden sie in einem 3D-Programm erzeugt. Unzählige digitale Fotografien entwerfen in Verknüpfung jede einzelne Blüte im Rechner, inklusive der unvermeidlichen Fehler des Programms. »Digitale Malerei« soll ein unvor- hergesehenes Abbild abwerfen. Die ästhetische Glatt- heit der computergenerierten Blume wird von Judith Kaminski in ein morbides »Memento Mori« überführt, sie sucht »Auflösung« wie in der Natur. Die Malerin kalkuliert deshalb in »Missing Information« den Moment genau, wo die Flaneure ganz nah der Installation, vor der Glaswand, den »digitalen Zerfall der Blüte« betrachten.
Klaus Merkel
Judith Kaminski
Geboren 1994 in Kamp-Lintfort. Seit 2013 an der Kunstakademie Münster. Studierte bei Prof. Klaus Merkel. Seit 2018 Meisterschülerin.
www.judith-kaminski.de
 01–05 Ausstellungsansichten im Wewerka Pavillon: Computergenerierte Bilder, Digitaldruck auf Affichenpapier, 4 Plakatwände aus Stahl, Fichtenholz und MDF, jeweils 356 × 282 cm, 2020
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