Page 196 - Almanach2020
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 Hanna Schneider
»Hip Hop Raver Nazi Skater«
Wie die Jogginghose ein Fashion Statement wurde. Und welche Rolle die Hanna Schneider »Rave-Hosen« im Westbam / ML: WAY UP Musikclip spielen.
Die Geschichte beginnt Ende der 80er in England, wo Menschen zu jung, zu arm und zu »asozial« gekleidet sind, um an den Türstehern im Smoking vorbeizukommen und ins Allerheiligste, den Club, vorgelassen zu werden. Denn der Club ist Heimat der Auserwählten, der soge- nannten »guten Leute«.
Die Kids werden trotzdem oder gerade deshalb bald schon Pioniere einer neuen Popkultur sein. Vorerst sind sie aber noch vor allem die Ausgestoßenen, die Verach- teten, die Ausgelachten.
Und sie tragen bunte Nike-Sneaker, Fliegermützen mit Fellapplikationen über den Ohren, rot-blau-ge- streifte Bommelmützen, weiße Handschuhe, rot-weiße Narrenkappen und blau-weiße Adidas-Trainingshosen.
Und da sie so sonst nirgendwo reinkommen, fliehen sie vor den herrschenden Realitäten, dem Club-Ge- schmacksterror, dem Schulhorror, den Türstehern und Eltern, vor dem Staat, der mit dem Knüppel hinter ihnen herläuft, auf irgendwelche Felder und Turnhallen, im Industriegebiet und im Umland. Dort, wo jetzt Sound- systems aufgestellt sind und Strobos flackern und zehntausende dieser Kids nun herumhüpfen.
Die Partys nennt man bald »Raves«.
Und die Beats werden mit der Aufregung immer schnel- ler. Neuartige, hysterisch-elektronisch trötende »Raves- Signale« sind nun zu hören und hier und jetzt entsteht im Zusammenspiel zwischen Rave-DJs und Ravern der typische Rave-Sound mit den hochgepitchten Mickey Mouse-Stimmen, den schneller abgespielten Breakloops und den viertaktigen, übergroßen Piano-Akkord-Ab- fahrten.
Der Style der Entrechteten wird zum Fashion-State- ment. Arm, jung und hässlich wird chic.
Das irritierte System, die Erwachsenenwelt, schlägt bald zurück. Zum Beispiel mit einem neuen Gesetz, dem »repetitive electronic beats act«, der Menschenan- sammlungen zu House und Techno kriminalisiert. Die Musikpresse lästert über den »bad taste« dieser »Kin- der-« und »Kirmesmusik«. Sie erklären die Mode bereits jetzt für vorbei.
10.07.2020
   Und vielleicht wäre wirklich schon im Herbst ’89 »Rave« in der Mottenkiste der kleinen und mittleren Musikhypes verschwunden, wenn nicht am 9. November in Berlin die Mauer gefallen wäre.
Eine neue Welle von Kids, schlecht gekleidet, unwis- send, ausgelacht, aber neugierig und erregt, strömt im Schneeregen des Winters ’89 nach West-Berlin.
Das UFO ist auf einen Schlag nicht mehr leer am Sams- tagabend. Die Berliner Technoläden und Raves, sie werden bald aufpoppen und mehr werden. Sie heißen Tekknozid, Techno-Storm, Mayday und Love Bass. Die Läden tragen Namen wie Planet, Tresor, Walfisch Exit, Eimer, Bunker oder Gymnastik.
Und jedes Jahr kommen mehr Leute auf die Love Parade. Auf der Straße des 17. Juni sind es am Ende der 90er über eine Million.
Für einen Augenblick scheint es so, als ob die Ausge- stoßenen die Welt erobert hätten. Als ob die Love Parade den Weltfrieden bringen könnte, die Kinder einen Ort jenseits des Regenbogens gefunden hätten.
Und die Jogginghose wurde ein Insignium dafür.
In »Way UP« blicken wir auf das Jahrzehnt der »Celebration Generation«, schauen vorbei an einigen Spielorten, die jetzt wieder ganz im Dienst des Straßen- verkehrs oder vielleicht Gemüsehandels stehen.
Wir tragen die legendären »Rave-Hosen«, bei Hanna Schneider nun per Kunstharz zum Denkmal fixiert, zur Siegessäule. Um die »Rave-Hosen« und die ganze ver- rückte Scheiße noch mal abzufeiern.
Maximilian Lenz aka Westbam
Hanna Schneider
Geboren 1987 in Beeskow. Seit 2012 an der Kunstaka- demie Münster. Studierte bei Prof. Daniele Buetti. Seit 2019 Meisterschülerin.
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