Page 218 - Almanach2020
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 Marie Heleen Samrotzki
»Condition«
Im ersten und größten Raum rennt Jeanette auf ei- nem Laufband. Ihr Körper steht nie still, damit sie die Geschwindigkeit halten kann. Sie ist ausdauernd, also bekommt niemand den Moment mit, in dem sie eventuell vor Erschöpfung vom Band fällt. Sie würde auch keiner Person, die in ihr Zimmer kommt, jemals davon erzählen, denn sie redet nicht mit den Menschen, die sie besuchen. Sie läuft einfach weiter auf die Hereinkommenden zu, ohne ihnen jemals näher zu kommen. Ihr Blick ist auf die vor ihr liegende weiße Wand gerichtet, niemals abglei- tend. Aber es sieht fast so aus, als würde sie durch diese Mauer genauso hindurchsehen wie durch die Leute, die sie beobachten. Ein langer Schritt jagt den nächsten.
Der stete Rhythmus vermischt sich mit dem Surren des Laufbands zu einem maschinellen Geräusch, über- lagert ihren raschen Atem und begleitet die betretenen Voyeure wieder hinaus.
Bis hinüber in den zweiten Raum.
Dort läuft Luisa zwei der vier Wände ab. Im Gegen- satz zu Jeanettes angestrengtem Körper ist der ihre nahezu schlaff. Sie geht in der immer gleichen L-Form den halben Raum ab, je nach Richtung mit ein paar Fin- gerspitzen der einen oder anderen Hand Kontakt zur Mauer haltend. Zwar aufrecht, aber ohne erkennbare Anstrengung oder besondere Beteiligung. Selbst wenn ihre Hände den Kontakt verlieren, scheint es sie nicht zu interessieren. Sie kennt den immer gleichen Weg auch ohne haptische Führung. Ihre Füße tragen sie immer weiter hin und her mit kaum hörbaren Schritten. Ihre Augen führen sie ebenso nirgendwo hin. Ohne Fokus, ohne aufblitzendes Erkennen schauen sie durch alles, das ihnen begegnet, hindurch. Einzig die motorische Leere einer stupiden Bewegung wird von ihr erzeugt, was sich schon aktiver anhört, als es die anderen, manchmal anwesenden Menschen empfinden dürften.
03.11.2020
   Dieses Nichts lässt das Publikum in den dritten Raum fliehen. Während das anhaltende Maschinenstampfen von Jeanette hier kaum noch hörbar ist, öffnet sich im letzten Raum eine neue Geräuschkulisse. Marie produ- ziert ein zwischen den Mauern reflektierendes Blubbern, während sie an einem kleinen Tisch sitzend ihr Gesicht in eine Schale Salzwasser hält und dabei ausatmet. Ob sie ihren Atem durch Nase oder Mund in die Flüssigkeit entlässt, ist nicht erkennbar.
In den kurzen Momenten, in denen sie ihren Kopf aus der Schüssel hebt, sieht es allerdings so aus, als würde sie durch den offenen Mund Luft holen. Ihr Gesicht ist dann umrahmt von nassen Haaren, von denen es leise tröpfelt.
Ihre Augen lässt sie dabei geschlossen, das Salz im Wasser würde dort sonst brennen. Und wieder ist sie eingetaucht, still sitzend und die Schüssel umarmend. Manchmal wiegt sie beim gedehnten Ausatmen den Kopf halb im Wasser hin und her. Dann steigen die Blasen schneller nach oben und zerplatzen rasch.
Luisa Kömm
Marie Heleen Samrotzki
Geboren 1989 in Bergisch Gladbach. Seit 2011 an der Kunstakademie Münster. Studierte bei Profs. Maik und Dirk Löbbert, Prof.in Shana Moulton, Prof. Paul Schwer und Prof.in Nicoline van Harskamp. Seit 2020 Meisterschülerin von Prof.in Nicoline van Harskamp.
mariesamrotzki.net
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