Page 222 - Almanach2020
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 Katharina Siemeling
»This is a Blue Warning«
Mit einem blauen Bildschirm beginnt die Videoarbeit. Es folgen verschiedene Szenarien, die gleichzeitig alltäglich wirken und sich doch nicht so recht in den Rahmen des Gewohnten einordnen lassen wollen. Eine Frau liegt mit einer Aktentasche im Bett und steht auf, um eine Flie- ge aus dem Vorhang zu entfernen. Ein Mann wartet an einem Bahnhof und begutachtet ein Küchengerät. Eine Begegnung findet statt zwischen Kindern und einer Frau auf einem Dach. Und schließlich folgt der Zuschauende einer Frau durch den Wald, die dort nach etwas zu su- chen scheint. Am Ende der sich immer wiederholenden Schleife sieht man einen Hubschrauber über ein weites Feld fliegen. Dieser hatte sich schon in den vorherigen Szenen als ein möglicherweise bedrohliches Geräusch immer wieder angekündigt. Verbunden sind die einzelnen Momente durch das ständige Wiederkehren des blauen Bildschirms und verschiedenen, in großen Buchstaben aufleuchtenden, Nachrichten, beginnend mit »This is a Blue Warning«. Es ist so, als erfahre man ein bedeuten- deres, fiktives Weltgeschehen durch die Linse einzelner ProtagonistInnen. Wie im Traum ist der Zuschauende in szenische Einblicke eingebunden, ohne diese vollständig logisch erfassen und begreifen zu können. Die Geräusche
01 Videostill
08.12.2020
   erweitern dabei die erzählte Bildwelt jeder Szene und die im Text gegebenen Anweisungen, etwa »This is a Blue Warning. Go home and con a pet« scheinen gleichzeitig unausführbar, aber ebenso dringlich. Die Szenen wirken so natürlich und intim, dass man sich als betrachtende Person mit einbezogen fühlt. Da eine Auflösung der Frage, welche Umstände die Menschen im Film zu ihren Handlungen bewegen, nicht erfolgt, bleibt also nichts übrig als sich einzulassen, das Geschehene von Moment zu Moment zu erfassen und auf sich selbst zu beziehen, losgelöst vom Impuls zur Einordnung in die eigene zeit- genössische, alltägliche Realität. Der blaue Bildschirm markiert das Ende, bevor sich die Schleife wiederholt.
Marei Annis
Katharina Siemeling
Geboren 1992. Seit 2011 an der Kunstakademie Mün- ster. Studierte bei Prof. Aernout Mik.
www.katharina-siemeling.de
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