Page 42 - Almanach2020
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Klasse Andreas Köpnick
Der letzte Teil der Klasse wurde Raoul Morales-Már- quez übergeben, um eine aktualisierte Version seiner poetisch-kinetischen Licht-Ton-Installations- und Examensarbeit vorzustellen: dFZ, oder
Drei ineinander verschlungene Fragezeichen, wie eine Rune, das ist der Titel einer akustischen Installa- tion, bei deren Aufbau es nicht darum geht, Platz zu spa- ren. Magnetbänder als Tonträger von Bandmaschinen laufen meterlang durch den Raum, im Kreis, wieder und wieder. Die Kurve kratzt das Tonband über drei Pflau- menbaumwurzeln, die im Zimmer verteilt von der Decke hängen, bevor es wieder in die Bandmaschine läuft, um einmalig wiederzugeben, was der Verschleiß dem Band in der letzten Runde angetan hat.
Eine weiche Frauenstimme spricht die Wörter: »Al- lein kam der Wind, obwohl der Wind immer da war, und wir alle haben ihn gefühlt und wir alle wussten schon, es ist der Wind.« Was sich, Abrieb sei Dank, Stunden später in ein verzerrtes, dumpfes »in-ka-nd, ob-W-immer-da- w-n-fü-w-w-w-s-es-ist-Wi« verwandelte. Was zuvor als klar und deutliches »Alle Kreaturen werden sterben und alle Dinge werden zerbrechen« aufgenommen werden
konnte, ist jetzt zu einem silben-flackernden Knistern mutiert. Die Poesie des Textes auf dem Magnetband nimmt eine fragmentarische, unberechenbare Gestalt an, welche als eine mögliche Sprache der Unterwelt dienen könnte. Oder ist es das, was eine Nachtigall hören könnte, wenn ein Düsenjet in weiter Ferne das Himmelszelt durchgräbt?
Es geschieht; und auf eine Art wird man durch den kleinen Eingang, der einen sofort in der Installation ste- hen lässt, Teil dieses Kreislaufes, der für und auch gegen sich arbeitet, dem man sich selbst überlässt, in dem man die Kontrolle abgibt. Auch wenn aus der zarten Stimme eine brutal klingende Tonspur geworden ist, lässt sich erleichternd auch die eigene Entscheidung abgeben, was das ist oder sein könnte, was mich umgibt. Es ist wie die Adern, die uns durchschlängeln, die Flüsse von oben. Die Farbe auf dem rostigen Nagel da hat auch der Jupiter. Das Meer, welches die Wolken speist, und umgekehrt. Der Wind. Am Ende ist es alles und nichts. Da, wo sich die Schlange wieder in den Schwanz beißt, fährt ein klei- nes Tonband Karussell. Und es weint, nachdem es lacht.
dFZ Text: Eugen Schnabel
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