Page 68 - Almanach2020
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  Jens Bülskämper
»Figuren
der Abstraktion«
Meeting-ID und Passwort eingeben, mit Computeraudio teilnehmen, Video ein- und, besser ist es wohl, Selbstan- sicht ausblenden: Schon ist er da und geht live, der ›Ku- bismus der Jetztzeit‹ in seiner neuesten und Corona-be- dingt sehr gefragten Spielart – Zoom. Aufgerastert in einem nachmodernistischen ›Grid‹ begrüßt uns und täglich etwa 300 Millionen weitere den Dienst Nutzende das Interface des kalifornischen Krisengewinners meist im Homeoffice. Vielfach belächelt und beargwöhnt, ist dieser Arbeitsplatz nun Alltag für viele – im Guten, wie im Schlechten –, dazu offiziell legitimiert und darf oben- drein als heißer Kandidat fürs Wort des Jahres gelten.
Dann donnerstags um kurz nach zehn an der virtu- ellen Variante der Kunstakademie Münster: Nach und nach zoomen sich immer mehr Menschen in das, wenn die Vokabel nicht schon besetzt wäre, könnte man es ›Face-Book‹ nennen, und formieren sich zu einer Video- wand, die einem Nam June Paik wohl nicht nur gefallen, sondern ihn direkt zu einer Biennale-tauglichen virtuel- len Großinstallation inspiriert hätte. »When too perfect, lieber Gott böse« ist dann auch unser Motto, als es los- gehen soll. »Guten Morgen, kann man mich hören?«, tönt es aus der Landeshauptstadt und die erkennbaren Titel der Bibliothek im Hintergrund – von Knoebel bis Lasker – zeigen, dass wir allemal bestens fürs Seminarthema – Figuren der Abstraktion – aufgestellt sind. Etwas blechern knarzen die Stimmen der Studierenden aus diesigen Gemächern, je nach Kameraqualität schummert das Konterfei mal deutlicher, mal weniger klar durch den Datennebel. Oft schaut man lediglich auf ein graues, über 90 Minuten schweigendes Rechteck mit schnöder Namensbekundung. Das war’s. Vorbei die Zeiten, als man sich an blau gefärbten Haaren, selbst entworfenen Schu- hen oder frisch gestochenen Tattoos erfreuen durfte; es waren goldene Jahre, soviel steht fest.
Kommentiert man dann im Powerpoint-Vollbildmo- dus eines laufenden Referates ins globalisierte Plenum zwischen Guatemala und Schallstadt hinein, passiert erst mal – gar nichts. Im manchmal muffigen, aber im- merhin realen Seminarraum der Vor-Corona-Ära wäre eine abwiegelnde Geste mit kritisch-mimischer Fußnote Kommentar genug, online hingegen muss man den Dis- kutanten die auditive Kenntnisnahme abnötigen – »Mh- hm«, oder auch, dem digitalen Nirvana geschuldet, »seid ihr noch da?!«.
Der Blick auf das elterliche Talent zur Terrassenge- staltung, in heimische Jugendzimmer und ihre voraka- demische Bildproduktion oder auf die palmengesäumten Strandparadiese, die das Programm selbst als artifizielle Hintergründe anbietet, können – trotz allem – nicht die Kurzweil aufbieten, die eine echte Diskussionsrunde – manchmal sogar bei Käse und Wein – uns gemeinhin bot. Dass per Bildschirmfreigabe der Gegenstand der
Betrachtung mit einem Klick für alle gut einsehbar vor Augen steht, wo sonst ein veritabler Brummer von Beamer zunächst aus den ewigen Jagdgründen des Klas- senfundus herbeigeschleppt werden muss, geschenkt. Fraglos aber hat auch das Kerngeschäft liebevoller KünstlerInnenaufzucht, eben das Kolloquium, im Da- tenstrom zwischen Hochschul-Cloud und Zoom-Schal- te, nennenswerte Abzüge in der B-wie-Bildungs-Note verzeichnen müssen.
Die entkörperlichte Effizienz des Digitalen wirft lan- ge Schatten, deren Kühle erst mit der Zeit das Frösteln lehrt. Auf Dauer gestellt, wäre dieser Umstand wohl auch für die härtesten ›Loner‹, also die einem selbstgewählten Solipsismus frönenden Menschen – und «Jeder Künstler ist ein Mensch«, wie wir nicht erst seit Kippenberger wissen –, eine zu unerbittliche Klausur. Jeder wolle dieser Einsiedler sein, einsam an seinem Werk feilend, behauptete Daniel Richter mal, befand dann aber, das sei eigentlich Quatsch – der Mensch sei ein soziales Wesen und jenes Soziale erschlösse sich für ihn etwa beim ge- meinsamen Essen, befand der Maler.
Der vielleicht auch mal wortkarg im Akademiecafé ›Casino‹ verspeiste Käsekuchen nach dem Seminar, einfach zusammen Löcher in die Campusluft gucken – »und sonst so?« – das vermisst man nach Wochen der
     01 Peter Schoolwerth, Ausstellung »Virtual Relief« (Detail), Kraupa-Tuskany Zeidler (2019) Foto: Jens Bülskämper
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