Page 69 - Almanach2020
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 schöngeredeten Klausur dann doch, wenn man ehrlich ist. Der Homo digitalis sitzt daheim vor der Kiste, aufge- schwemmt von der Bewegungsarmut, kurzatmig, adipös, der Frischluftmangel tut sein Übriges. Okay, ganz so schlimm muss es nicht ausfallen, sich aber auch nicht zwingend so viel besser darstellen.
Die reichhaltige Textur des Sozialen im sogenannten ›Reallife‹, ihr gleichsam analoges ›Multimedia‹, ist offen- sichtlich unverzichtbarer, als es im Rausch der ersten Digitaleuphorie den Eindruck machte. Nicht umsonst werden die Vorträge der ›Münster Lecture‹ kulinarisch beschlossen und eine Examensausstellung mit Umtrunk gefeiert. Es sind mit schöner Regelmäßigkeit die infor- mellen Momente, in denen jene Bemerkungen fallen, die sich, wenn man zu später Stunde heimradelt, als ertrag- reiche Gedankensplitter zurückmelden.
Dem gemeinsamen dumm Rumstehen wohnt eben einige Intelligenz inne; es ist wie beim Käse: Die Löcher sind der eigentliche Geschmacksträger. Und jenen produktiven Leerlauf lässt das Digitale vermissen; es gibt nur on-off, 0 und 1, Seminar oder Tschüss, bis nächste Woche. Wer also meint, man könne das Akademiestudium womöglich auf zehn fluffige YouTube-Tutorials herunterbrechen – Gott sei Dank sieht das ja niemand so – aber, sicher ist sicher: der irrt. Allemal fest steht, dass Erkenntnisge- winn bei guter Laune sich körperlicher vollzieht, als man gemeinhin vermutet. Beuys hatte eben doch recht: Wir denken sowieso mit dem Knie.
      Jens Bülskämper
»Out of Homeoffice«
Nichts schmecke so gut, wie schlank zu sein, hat Kate Moss mal behauptet, und Karl Lagerfeld konnte, nach- dem er sich für Hedi Slimanes ultraschmale Dior Homme Silhouette runtergehungert hatte, nur eilfertig bei- pflichten: »Everything looks best in the smallest sizes!« In diesem Sinne schnüre ich nach wochenlangem Pfahl- sitzen im Lockdown die Laufschuhe und will’s wissen: Let’s work it out! Während sich auf den ersten Metern die Knochen unter mir mit leichtem Schmerz sortieren und die Muskeln langsam wach werden, geben meine Adidas Boston Boost der Erdumdrehung und natürlich mir selbst langsam Schub. Ich tippe auf Hot Chip-Radio und Spotify versorgt mich mit einer Playlist im Stil der lässigen Briten; die Kraft der Algorithmen zeigt sich so von ihrer schönsten Seite – play!
»Capitalism is the virus«, »#blacklivesmatter«, »Tönnies schlachten«, »Emanzipiert Euch, ihr F*****«: Auf Betonwände und Pflaster gemalt, ziehen femi- nistische, antirassistische und kapitalismuskritische Statements an mir vorüber und bestätigen mich darin, in diesem mit Bedacht gewählten Wohnort genau das richtige Fleckchen Erde erwischt zu haben. Eine frisch gewaschene Lockenmähne überholt mich wohlriechend auf blaubereiftem Swapfiets-Rad. »I’m in no fit state, I’m in no fit state«, flötet mir Alexis Taylor ins Ohr, als ob die Band mittels Tracking-App oder schlicht aus dem Gebüsch heraus meinen Kampf mit den Kalorien verfolg- te. Ich tänzele nimmermüde an der roten Ampel. Grün! Dynamische Mütter in Onitsuka Tiger Sneakern und mit Fjällräven Rucksäcken auf dem Rücken überholen mich – die Brut im beflaggten Croozer-Anhänger hinter sich herziehend. Eltern kreuzen mit ihren studierenden Kindern – ich sause unverdrossen zwischen den Genera- tionen hindurch. Jeder, wirklich jeder Mensch hat einen individuellen Laufstil, bemerke ich, als sich die Zahl
der Läufer im Sichtfeld erstaunlich verdichtet. Vorbei die Zeiten, als nur hagere Sportlehrer ihre einsamen Runden drehten; braungebrannte Beautys und adipöse Anfänger schwitzen heute beherzt und zahlreich ins Polyester. Der Duft frisch gemähten Rasens steigt mir in die Nase, gewürzt vom Diesel grüner Mähmaschinen.
   01 Foto: Jens Bülskämper
         

























































































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