Page 72 - Almanach2020
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  Lara Kaiser
»Die Malerei und die Krise – Gedankenspie- le um Jan Vermeers Leben und Arbeiten«
Monate sind vergangen, seit meine Augen über die viel- schichtigen Oberflächen einer Malerei wandern konn- ten, die von anderer Hand gemalt wurde. Zentrum der Betrachtung ist nun der private Raum, neben dem die Außenwelt verschwimmt. Was bleibt, sind leuchtende, verspiegelte Endgeräte, die versuchen, eine Brücke zu schlagen zwischen den vier Wänden Wohnzimmer und dem analogen Außen, von dem nur die vage Hoffnung bleibt, dass es nach Monaten des quälenden Schlafens aufwachen darf.
Ausstellungen wurden verschoben und abgesagt. Die vielfältigen Ausdrucksformen kulturellen Lebens sind plötzlich eingekocht worden und gestalten sich nun in verschiedensten Onlineprojekten, die einziges Sprachrohr und alternativlose Praxis geworden sind. »Es werden nachhaltige Fragen für das europaweite Kulturleben aufgeworfen«, schreibt der Sender Arte in dem Versuch, »culture@home« möglich zu machen.
Die Rezeption von Malerei verändert sich, wenn Angebote wie Instagram, Videoformate, Online-View- ing-Räume, virtuelle Museumsrundgänge oder auch das Versenden digitaler Portfolios keine Ergänzung darstellen, sondern der einzige Weg sind, dieses Medium zu erfahren.
Der Wunsch, dass Malerei wieder angemessen aus- gestellt und rezipiert werden kann, wächst als pulsie- rendes Aneurysma, das kurz vor dem Bersten steht. Die Schwierigkeiten liegen dabei nicht nur in der Verun- möglichung des Sehens, sondern auch in dem Ringen der KünstlerInnen um Sichtbarkeit, von der sie hoffen, dass wirtschaftliches Überleben ermöglicht wird.
Die heutige Generation von MalerInnen ist aber nicht die erste, die unter den Auswirkungen der Erfah- rung einer kollektiven Katastrophe zu arbeiten versucht. Der Konflikt zwischen Sichtbarkeit und künstlerischer Haltung ist keine Erfindung des digitalen Zeitalters.
I. Rezeption
Wenn ich mit diesen Gedanken in einem Zimmer sitze, das neuerdings mein Atelier, Wohn- und Schlafzimmer beherbergt, starre ich oft vor die weißen Wände und beobachte, wie sich die Lichtschatten über die Tapete schieben. In diesen Zeiten wandern meine Überlegun- gen zu einem der höchstens 37 Bilder, die uns von Jan Vermeer geblieben sind und deren Details ich bei jedem Besuch im Rijksmuseum in Amsterdam erneut in die Windungen meines Kopfes einweben möchte.
Sommersemester 2020
   Wenn Sie die Möglichkeit hätten, ungestört »Die Brief- leserin in Blau« zu betrachten, ist das eine Erfahrung, die sich aus so vielen, oft unendlich kleinen, sinnlichen Eindrücken zusammensetzt, dass diese zu diffus sind, um sie in der Summe ihrer Vielschichtigkeit angemes- sen beschreiben zu können. Wir blicken in einen Raum, dessen Inneres umsungen ist von einem kalten Licht, das einmal mehr aus einem linken Fenster dringen mag, sich jedoch außerhalb der Bildfläche befindet. Auch Vermeers Bilder spielen zu einem wesentlichen Teil in diesem immer gleichen Zimmer, dessen Fenster uns aus anderen Darstellungen vertraut erscheinen. Das Licht, hell wie der Tag, umspielt die Hände einer Frau, deren Finger sich in sanftem Hell und Dunkel um ein Stück Per- gament legen, das sie nah an ihrem Körper hält. Das Blau ihres Gewandes bildet die Mitte der Komposition, sodass der Blick zu kreisen beginnt: Er wandert von ihrem Kopf, über den dunklen Rücken und Saum der Beddejak, streift die erleuchtete Seite ihres runden Körpers, verweilt bei dem Brief, um dann wieder die weichen Züge eines ernst- haften Gesichtes zu befragen. Sie ist eine Gestalt, die ihre Zartheit und Stille in jeder Berührung des Pinsels ausdrückt, doch einen konzentrierten Ausdruck nicht vermissen lässt.
Der Blick tanzt vor und zurück zwischen den beiden leeren Stühlen. Die Augen des Betrachtenden fühlen die Schwere des Metallstabes, der eine Karte in den Farben ihres Kopfes zu positionieren scheint, doch eigentlich der engen Geste der Hände eine schwere Präsenz im Raum verleiht. Die Illusion der Szene scheint perfekt. Die Ode an das Licht wird eingefangen in der Privatheit eines Moments, der sich jenseits der gängigen Vorstel- lung von Zeit abspielt.
In dem Moment inniger Betrachtung kommen uns die Theorien zur Anwendung einer Camera Obscura, jüngste technische Analysen und kunsthistorische For- schungsergebnisse kaum in den Sinn. Man kann später nur lachen über die Reproduktionen der Postkarten im Museumsshop und die digitalen Images bei »google arts and culture«. Die Malerei nimmt immer einen Bezug ein zu dem Raum, in dem sie hängt und zu dem Menschen, der sie betrachtet. Dieses ist kaum erfahrbar, wenn sie auf ihrem Monitor die Maße 46,5 x 39 cm aufblitzen sehen, kombiniert mit verfälschten Farben, glatter Oberfläche, abgelenkt durch die vielen anderen Reize, die das digitale Sehen bestimmen und für die das Medium der Malerei nicht gedacht war.
Vermeer gelingt es auch 345 Jahre nach seinem Tod, uns in seine scheinbar so begrenzte Welt einzuspinnen.
 Wir vergessen für einen Moment das Rauschen unserer beschäftigten Leben, die bombardiert werden mit Hoch- geschwindigkeitsaufnahmen und schrillen Tönen. Er ver-
  (A-B)-S-T-A-N-D D-E-R D-I-N-G-E 70



















































































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