Page 73 - Almanach2020
P. 73

  langsamt das Tempo der vorbeirauschenden Zeit, ohne uns die Wege aufzuschlüsseln, die er beschritt, um diese alltägliche Szene zu einem Sinnbild staubloser Ruhe werden zu lassen. Vermeers Gemälde sind poetische Gebilde, die sich in erster Linie nicht an den Verstand richten. Sie erhalten keine explizite, eindimensionale Erzählung wie die Bilder vieler Zeitgenossen. Gemälde, bei deren Betrachtung wir Zeit und Atmung vergessen, überfluten uns mit einer Sinnlichkeit, deren Verständnis sich nicht allein über die Logik, sondern durch ästheti- sche Erkenntnis erschließt. Diese bleibt gebunden an Original, Raum und analoge Betrachtung, ohne die die unergründliche Präsenz einer Malerei zerfallen würde.
II. Produktion
Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass es uns heute möglich ist, dieses schmale Œuvre in seinem ursprüng- lichen Zusammenhang zu betrachten. Vermeers Werk wurde in alle Winde zerstreut und geriet nach seinem Tod zweihundert Jahre lang nahezu in Vergessenheit. Erst seit dem 19. Jahrhundert stieg der Wert seines Schaffens ins Unermessliche, unter anderem nachdem der Kunstkritiker und Sammler Théophile Thoré-Bürger Vermeers Namen wieder in Bezug zu dessen Werk brach- te. Die Diskussionen um Zuschreibungsfragen sollten sich noch ein Jahrhundert hinziehen. Es brauchte lange, bis ihm der gebührende Platz eingeräumt und die Urhe- berschaft der Meisterwerke zuerkannt wurde.
Die Qualität der Malerei allein entscheidet keines- falls über den Grad der Wertschätzung, den ihr eine breite Öffentlichkeit zugesteht. Unsichtbar zu sein in den Wogen der Kunstwelt, hat einen Preis, den die le- benden KünstlerInnen zahlen, die an erster Stelle ihrer Arbeit verpflichtet sein sollten.
Zusammengenommen ist die Fläche aller Gemälde Vermeers so gering, dass sie nicht mehr als die Nacht- wache Rembrandts ausfüllen würden, dessen Arbeit an diesem Gemälde eine Frage von Monaten war. Vermeers Lebens- und Pinselführung hingegen ermöglichte eine Produktion von nicht mehr als zwei Gemälden im Jahr. Es können ihm auch keine Zeichnungen oder Drucke zugeschrieben werden, die seine Arbeit einem breiten Publikum zugänglich gemacht hätten. Er unterrichtete vermutlich keine Schüler, die seinen Malstil verbrei- teten. Der Künstler lebte in der kleinen Stadt Delft, die er selten verließ, in einem hellen Studio im oberen Stockwerk des Hauses, das nicht ihm gehörte. Johannes Vermeer war 21 Jahre alt, als er Cathrina Bolnes heira- tete. Mit ihr hatte er fünfzehn Kinder.
Manche Jahre seines Schaffens muss er in ausrei- chend stabiler finanzieller Lage, doch in Kompromissen handelnd verbracht haben. Es gibt Belege dafür, dass Vermeer verschiedenen Nebentätigkeiten nachging, um seine wachsende Familie zu ernähren, obwohl seine Bilder gute Preise erzielten. Leider malte er nur wenige Arbeiten für den freien Kunstmarkt und war gebunden an eine zu kleine Gruppe von Mäzenen, die seine künst- lerischen Aktivitäten durch Privatankäufe finanzierten. Allein die Verwendung von Ultramarinblau ist keine
preiswerte Angelegenheit. Im Unterschied zu nieder- ländischen Zeitgenossen bediente sich Vermeer dieser Farbe jedoch großzügig.
Die späten Jahre seines Lebens waren geprägt von überwältigenden finanziellen und persönlichen Krisen. Der französisch-niederländische Krieg verhinderte über Jahre hinweg den Verkauf weiterer Arbeiten und auch andere Geldquellen versiegten in der Folge der Ereig- nisse. Freunde, Gönner und Familienangehörige starben und verdunkelten diese Zeit nachdrücklich.
Jan Vermeer starb innerhalb von wenigen Tagen mit nur 43 Jahren im Jahr 1675. Er hinterließ eine mittellose Familie, die nicht einmal das Bild behalten konnte, das Vermeer zur Visitenkarte geworden war: Die Allegorie der Malkunst. Somit erfüllte er keine der Bedingungen, die es in seiner Zeit einfacher gemacht hätten, seine Meisterschaft sichtbar werden zu lassen. Das ist Er- gebnis der Notwendigkeiten, die seine Arbeit bedingten und der Umstände, die seine Zeit erschuf.
Das »goldene Zeitalter« der Niederlande endete mit dem französisch-niederländischen Krieg in der Zeit, in der auch Vermeer nach kurzem, sorgenbedingten Deli- rium seinen Tod fand.
Auf der Gratwanderung zwischen öffentlicher Wahr- nehmbarkeit und intensiver künstlerischer Arbeit be- wegen KünstlerInnen sich auch heute, während sie ver- suchen, den Katastrophen ihrer Zeit zu trotzen. Heute stellt die Absage des Ausstellungsbetriebes und die Verlagerung der Aktivitäten ins Internet MalerInnen vor existenzielle Fragen.
Bilder aus den Erfahrungen dieser Welt heraus zu schaffen, bleibt ein tiefes Bedürfnis, dessen Spuren wir durch die gesamte Geschichte unserer Spezies zurück- verfolgen können. Man mag mir nachsehend das Pathos verzeihen, das darin liegt, Hoffnung zu schöpfen aus der Parabel des Lebens von Jan Vermeer, welcher der Glauben zugrunde liegt, dass gute Arbeit allen Widrig- keiten trotzen wird, während sie selbst jede Zeitlichkeit ignoriert.
Ich starre die weiße Wand an und lasse meine Ge- danken weiterspringen, zu dem Moment, da es wieder möglich ist, Bilder aus Gegenwart und Vergangenheit im Außen zu betrachten.
Was bleibt, ist die Malerei.
           




















































































   71   72   73   74   75