Page 78 - Almanach2020
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  Klaus Merkel
»Tiere«
Die Diskussion um »die Krise in der Kunst« fing für mich in Stuttgart Mitte der 80er-Jahre an, eigentlich direkt mit Beginn meiner Ausstellungserfahrung dort, meinem Ein- tritt in den »Kunst-Betrieb«. Ich erinnere mich an einen Film von Godard, in dem gegen Ende die Protagonisten, erwachsene Männer, ohnmächtig vor Wut, Steine einem vorbeirasenden TGV hinterherschmissen, voller Wucht, als wären erzürnte Kinder am Werk, die gegen eine ent- fesselte Weltmacht zu kämpfen hätten. Ein starkes Bild, das bis heute nichts von seiner Wirkung verloren hat.
Bis vor kurzem schien in der Hinsicht wenig Pers- pektive auf Veränderung. Heute sind wir leider weiter in weltweit prekärer Verfassung, verschärft durch den humanistischen, biologischen und ökonomischen Kahl- schlag.
Die Frage, wie ein Maler auf diese Krise reagiert, ist nicht leicht zu beantworten. Ich reagiere irgendwie nicht direkt auf diese Krise, sondern führe eine Problematisie- rung fort, die mit einer Serie in den späten 80er-Jahren begann und damals unter dem Titel »Tiere« zum Beispiel in der Wiener Secession, im Kunstverein Düsseldorf und in Stuttgarter Galerien ausgestellt war.
»Tiere« impliziert Figur und Natur, und obgleich die Bilder ganz direkt lesbar sein sollen, sind sie doch nicht als etwas Realistisches erkennbar; der Begriff der Spezies läuft aber im Hintergrund immer mit.
Heute arbeite ich wieder mit dem Motiv der »Tiere«, verändert dadurch, dass alle Bilder (inzwischen ist es eine ganze Herde) jetzt mittelformatig angelegt sind und eher klein wirken. Wie von Ferne, mit einem nach innen gezogenen Rahmen und einem Diagonalkreuz, um das herum sich die jeweilige Figur ausformt. Wie schon damals, ist immer nur ein Motiv auf einem Feld. Maltechnisch arbeite ich zuerst den Hintergrund aus, in dem dann der Figurumriss bestimmt und schließlich in einem Zug Alla-Prima ausgefüllt wird. Während der Umriss der Figur langwierig zeichnerisch konzipiert ist, läuft die Innenstruktur fast zufällig ab, entwickelt sich aus Farbe auf einer Palette und weckt die Arbeit des Malers am Duktus; ein historischer Reflex auf den aufgebrochenen Ochsen von Soutine, vielleicht.
Mit Anfang des Shutdowns, der auch die Kunstakade- mie Münster und die Arbeit in der Klasse lähmte, wollte ich diese Gruppe von Bildern in meinem Freiburger Atelier weiterführen und kaufte Farben und Leinwän- de, die mich neben den Video-Konferenzen über eine unbestimmte Zeit hinweg in verlässlicher Arbeit und fern von Stillstand halten sollten. Ich wollte den absolut bodenständigen Vollzug eines Bildes und kein Geist in der Geisterstadt sein.
02.05.2020
     01 Klaus Merkel, Atelier Freiburg, Mai 2020
 02 Klaus Merkel, »Tiere«, Öl auf Leinwand, 65×50cm, Mai 2020
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