Page 80 - Almanach2020
P. 80

 Krch, krch. Die Tage verschwimmen. Ich habe seit Jahren keine Langeweile mehr empfunden. Früher hat mich Lan- geweile kreativ gemacht. Aber jetzt ist dieser Zustand nur ein dumpfes Sitzen und Starren. Ein schlechtes Gewissen und ein müdes Aufraffen. Dünnhäutig, gereizt. Mir fehlen die kurzen Gespräche mit Leuten, die ich im- mer nur in dem einen Seminar sehe, zwischen Tür und Angel. Ich mag es, nicht zu wissen, wo ich am Tag etwas essen werde. Mir fehlt das detaillierte Eintragen von Terminen in meinen Kalender. Das Auffüllen der Lücken zwischen den Terminen mit To-Dos der Woche. Mir fehlt das Fahrradfahren von hier nach dort. Und NEIN, eine Fahrradtour durch die Felder ist nicht das Gleiche, auch wenn das Wetter gut und der Weg schön ist. Der feh- lende Zeitdruck macht mich wahnsinnig. Aber nicht auf die Art, dass man schreien und treten möchte, sondern mehr auf eine Art, die in der Ecke hockt und dumpf in die Gegend starrt. Krch, krch.
Bin so tired, bin nur mehr 1 Halbes.
Lea steht mit mir am Fenster und sie raucht, das
heißt: Lea erzählt von Werner Herzog, »dass der echt mal von München nach Paris«, weil die Lotte Eisner so schwer krank, »Werner Herzog ist den ganzen Weg zu Fuß«, und Lea und ich stehen im Fenster wie zwei Vögel, »und sie durfte ihm nicht wegsterben, bevor er nicht bei ihr gewesen«, ich denke an die Tauben im Baum, die sich gegenseitig ihre Schnäbel in den Hals, »ich meine, wirklich zu Fuß, schon irre, der ist echt durch Regen und Sturm«, ich sehe regelmäßig Tauben in Baumkronen beinahe untergehen, Lea raucht und Lea schaut mich an, »schon irre, warum ist der denn nicht einfach, ich weiß auch nicht, das ist doch irre«, und ich denke an verschiedene Arten, Schiffbruch zu erleiden, denke, mit dir rumzuknutschen ist immer noch am ehesten »es ist nichts«, ist immer noch am ehesten ein Grund für.
Kokosmilch, Hafermilch, Pulp Fiction gucken, Tomaten.
Salzlake, ÜBER DAS MHD HINAUS, ich bringe nur noch schnell das Pfand, bringe nur noch das Altglas und dann geh’ mit mir auf Seefahrt, geh’ mit mir überwintern.
Theresa Hahner »Ängste«
Die meisten Zwänge beruhen auf verdammt unklaren Ängsten. Es gibt nur die Gewissheit, dass etwas Schlim- mes passiert, wenn man seine Rituale vernachlässigt.
Man hat mir gesagt, dass es mindestens so lange dauere, eine Zwangsstörung komplett los zu werden, wie man sie hatte. Bei mir wären das elf Jahre, von denen mittlerweile vier vergangen sind. Ich hab’ mich halbwegs damit abgefunden, dass das ganze Thema mich noch begleiten wird. Die Angst, dass der Waschzwang wieder stärker wird und mein Leben bestimmt, ist ein ständiger Begleiter.
Gerade schöpfe ich unerwartete Selbstsicherheit daraus, wie stabil ich trotz Corona bin. Trotz Aufrufen
zum Händewaschen und Kontakte-Vermeiden. Obwohl vor dem Supermarkt die Griffe der Einkaufswagen desin- fiziert werden und mich daran erinnern, dass Menschen ja wohl kaum nur die Griffe im Laden berühren werden. Wenn ich den Wagen schiebe, fällt mir plötzlich auf, dass ich ihn nicht mit bloßen Händen anfasse, sondern nur mit den Jackenärmeln. Mach ich das immer so? Ist das eine Gewohnheit, die hängengeblieben ist? Die Reak- tion scheint nicht aus aktiver Angst zu geschehen, eher beiläufig, unbedacht.
Dass ich die Haare sehe, die WARUM nicht in das Sieb geflossen sind und dann verstehe: weil das keine kor- rekte Forderung ist von mir, schon wieder nicht und dass genau in dem Moment die Nachbarn unter mir Rosenstolz hören. DAS ALLEIN IST MEINE SCHULD.
Für mich ist Corona gerade erstaunlich wenig schlimm. Die Angst, der Feind, das Problem ist sehr real. Und alle Menschen scheinen ängstlich. Es ist nicht dieses Gefühl, davon in seiner unberechtigten Sorge wahnsinnig zu werden. Ganz alleine.
Es tut mir gut, nicht rausgehen zu müssen. Mir fällt erst jetzt wieder auf, wie viel Stress es für mich bedeu- tet, mich an einem Ort mit Menschen zu treffen. Das Aufraffen, Anziehen, vor die Tür gehen und Busfahren. Videokonferenzen brauchen weniger psychische Vorbe- reitung meinerseits.
Arbeitsidee:
Man will sich über Zoom ertasten.
Für mich persönlich ist die momentane Gefahr nicht, dass Virus zu bekommen. Natürlich sollte ich das ver- meiden, aber für meine Altersgruppe scheint alles noch halbwegs glimpflich zu verlaufen.
Für mich persönlich ist das psychische Risiko höher als das physische – zumindest in meiner Bewertung. Meine Aufgabe ist, das Virus nicht unbemerkt zu vertei- len. Und die Ängste anderer Personen ernst zu nehmen. In meiner unerwarteten Entspanntheit wirke ich schnell, als würde ich mich nicht kümmern, als würde ich die allgemeine Gefahr nicht wahrnehmen wollen.
Ich halte mich jetzt an die Empfehlungen zur Kon- taktbeschränkung und zum gründlichen Händewaschen. Aber ich versuche, mich darüber hinaus nicht allzu sehr auf das Virus zu fixieren. Um zu vermeiden, dass meine Ängste schlimmer werden.
    (A-B)-S-T-A-N-D D-E-R D-I-N-G-E 78















































































   78   79   80   81   82