Page 81 - Almanach2020
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 Kerstin Hochhaus »Walking in my shoes«
Eine selbstbewusste Frau mit einem eigenwilligen Kleidungsstil, die ihren Körper mit bunten Farben und verschiedenen Texturen inszeniert? Ja.
Aber auch eine Frau, die Teil dieser Gesellschaft ist, die Schönheitsidealen ausgesetzt ist. Die sich gut in ihrem Körper fühlen möchte und das auch oft tut. Aber es gibt eben auch andere Tage.
Können wir wirklich verhindern, uns an den Idealen zu messen, die wir sehen? Können wir uns wirklich frei machen und eine eigene Definition von Schönheit ent- wickeln? Ist es wirklich unsere Meinung, wenn wir sagen: »Ich tue das für mich, nicht für jemand anderes«?
In Zeiten des Lockdown ist deutlich geworden, dass Kleidung für mich nicht nur eine Art ist, mich auszu- drücken, mit anderen zu kommunizieren, mich nach außen zu inszenieren. Es ist auch etwas Persönliches:
= deine Augenbrauenhaare zählen; ausmessen, wie weit deine Augen von links nach rechts, wenn du in meinem Gesicht; dich verbasteln; mich in dir ver- basteln und andersherum;
Fühle ich mich besser, seitdem ich morgens wieder lange vor dem Kleiderschrank stehe und DAS Outfit für den Tag aussuche, auch wenn ich das Haus nicht verlasse? Ja!
Tut es mir gut, die passenden Ohrringe zu suchen und DEN Lippenstift auszuwählen? Ja!
Und laufe ich manchmal mit den Schuhen durch die Wohnung, weil sie einfach genau zu diesem Kleid passen? Ja.
meine augen sind zu klein heut’ und im schlaf hab’ ich sachen verlegt das passiert mir sonst nie das passiert sonst /
du rauchst nur noch nach zwanzig uhr und ich morgens vor elf /
wir wechseln uns ab /
satzzeichen als moods ich hab’ bloß noch keine uebersetzung wie auch /
it all started with the first time und ich kann relaten / woran ich grad arbeite und als antwort dass ich versuche herauszufinden was / bedeutet /
mein rechter arm schlaeft ein und ich goenns ihm / die pflanze bekommt meinen pruett und du auch / mit meinen hausschuhen gehoerte ich eigentlich ins krankenhaus /
<ich bin unter die lawine meines vaters gekom- men> what a mood WHAT A CONCEPT /
aber eigentlich habe ich gute laune /
Paula Göb »Abstand«
9.851,9 Kilometer 3850 Höhenmeter
Alle hielten Abstand voneinander, während ich zu viel Abstand hatte und nichts von alldem mitbekam.
Ganz oben, hieß es, sollte man ein unglaubliches Er- folgserlebnis verspüren. Oder kaum mitbekommen, was man erreicht hat, da das Gehirn mit zu wenig Sauerstoff versorgt wird.
Fünftausend achthundert fünfundneunzig Höhen- meter. Dreitausend neunhundert Höhenmeter. Fünftau- send achthundert fünfundneunzig minus dreitausend neunhundert macht eintausend neunhundert fünfund- neunzig.
Oder auch neunzehnhundertfünfundneunzig. Wie die Jahreszahl.
Das hat gefehlt.
Das habe ich nicht geschafft.
Für eine Weile habe ich die Situation hier zu Hause, hier in Europa, hier in Deutschland nicht wirklich wahrneh- men können. Eine Reise, von der man zurück MUSS, es aber nicht kann, ist anstrengend. Auslaugend. Und man freut sich auf die Ruhe danach. Man möchte niemanden sehen oder treffen, nicht fünfhundertmal dieselbe Ge- schichte erzählen, nicht so tun, als wäre man fit genug, gemeinsam Kaffee trinken zu gehen, nicht die Kamera herausholen und Fotos präsentieren, nicht erklären, dass man sich keine Malaria eingefangen hat. Krankheit.
Wieder gesund werden, verleiht Abstand zum Alltag, Abstand zu der einen bekannten Realität, Abstand zur Hetze und zur Produktivität. Wenn die Priorität sich verschiebt und man nur noch den Körper, die Bequem- lichkeit und das vermeintlich Wohltuende im Blick hat.
»Ich muss wieder weg hier«
Der Anfang ist Abstand nehmen, solange alle nah bei- sammen sind, ein paar, zwei oder drei werden es einem übel nehmen, vielleicht auch gekränkt sein, da man im Fernweh alles und jeden unmittelbar in einen Topf wirft, und alles möglichst schnell verlassen möchte. Nichts Persönliches, alles ist nur zu viel und zu nah und zu ge- wohnt und dann sagt man anderen plötzlich ins Gesicht, dass man sich entfernen möchte. Nicht für lange, nur wird das zu selten erwähnt.
Dann, als zweites, geht man es an, setzt sich in ein Flugzeug und wartet ein bisschen, weg ist man dennoch schon lange, der Kopf in der Luft oder verängstigt und man hat schon Goodbye Deutschland gesagt, weil man es kaum erwarten kann.
Was schätze ich wert, den Abstand an sich oder die damit einhergehende Wertschätzung des Zurück- gelassenen?
Ohne das Eine, niemals das Andere. Dann wird es schon manchmal kompliziert.
          <I’m sorry for the short notice> /
ja ja my timing isn’t always the greatest /
    
































































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