Page 82 - Almanach2020
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 Allein bin ich angekommen am Jomo Kenyatta National Airport, Nairobi.
Auf meiner Strecke habe ich zum ersten Mal die fliegende Ehrfurcht vor der Höhe verspüren dürfen, damit meine ich die Anzeigetafel mit den Höhenmetern. Ansteigende, einfache Zahlen und irgendwann die Er- kenntnis (über den Wolken versteht sich), dass es noch ab JETZT drei Tage dauern würde, bis ich auf meinem Weg sei, um genau auf dieser Höhe zu stehen. Ohne Flugzeug. Oben auf der Bergspitze, genau so weit weg, oben, wie ein Flugzeug.
Dann keine Mutter, keine Freunde und sonst nur Steine und Wolken.
Sechzehn Jahre.
Kein Jahr und einen Monat auseinander. Neuntausend achthundert einundfünfzig Komma neun Kilometer.
Mein Cousin und ich verhielten uns exakt so, wie wir uns verlassen hatten, wie Vierjährige. Einmal antippen und weggucken. Die ganze Nacht reden und dann so tun, als ob man sich nicht verstünde. Ich bin aus einem fremden Land, aber das macht nichts. Ich erzähle ihm von meinen Freunden daheim, und das ist das erste Mal, dass ich bereits am Anfang meiner Reise doch so einiges ver- misse. Vermissen ... vermissen tut man zum Beispiel Dinge, die nicht sicher zurückkehren, von denen man weiß, dass sie lange unerreichbar sind. Sich auf etwas freuen, ist anders. Ich denke, ich hatte Vorfreude, ich wusste ja, sobald der Monat Reise um wäre, würde ich sofort zu meinen Leuten zurück, meiner Oma erzählen, wie ich, mutig wie ich war, den Kilimandscharo erklom- men hätte, ihr Fotos zeigen und sie würde staunen. Ich hatte Vorfreude, Mitbringsel zu verteilen, zu zeigen, wie dunkel ich geworden war und mir Lob einholen, die Sonne mitgebracht zu haben.
Zwei Tage bis dreitausend neunhundert Höhenme- ter. Meiner Familie war ich nun ganz nah. Mir selbst noch näher. Am nähesten allerdings der endgültigen Erschöpfung.
Ohne Netz, ohne Internetverbindung, ohne Strom wusste da unten, vor allem da in Deutschland, niemand Bescheid, aber die Entfernung vom Boden bekam mir nicht. Also zurück. Ohne meinen Cousin.
Der zweite Abstand.
Allein in Moshi, Tansania, wollte ich warten. Höhen- krankheit und Infektion. Vier Tage warten. Vier Tage Abstand. Während ich manche erreichte und ihnen von meiner Krankheit klagte, wusste ich nicht wirklich, wie es den Menschen sonst so ging. Mir tat es gut. Einge- sperrt im Hotelzimmer, so nah wie möglich bei der Toi- lette bleiben. Nah bei mir. Viel Zeit zum Nachdenken, zum Traurigsein, zum Gesundwerden.
Tourist sein. Und dann neue Leute treffen, so wie ich das immer gerne mache.
Mein Cousin tauchte wieder auf, ebenso kaputt, und wir beeilten uns, zurückzukehren. Zurück zur Familie, meine Mutter war nun auch eingereist.
Die Grenze gab uns Fiebermessung und Unmengen an Desinfektionsmittel. Nicht nur wegen Gelbfieber und Cholera. Keiner schien davor noch Angst zu haben – Ab- stand hielten wir aber nicht.
Angekommen, immer dieselbe Situation. Man freut sich auf die Ruhe danach. Man möchte niemanden sehen oder treffen, nicht fünfhundert Mal dieselbe Geschichte erzählen, nicht so tun als wäre man fit genug, gemein- sam Kaffee trinken zu gehen, nicht die Kamera heraus- holen und Fotos präsentieren, nicht erklären, dass man sich keine Malaria eingefangen hat. Habe ich nicht, ich wurde getestet.
Und dass ich dich angerufen, aber schlechte Nachrich- ten sind ein besserer, das heißt: mein Grund war nicht gut genug, also keep it casual, easy thing.
Dreihundert siebenundsiebzig Kilometer, die ich nicht überwinden durfte.
Vier Jahre Abstand. Vermutlich Einhundert und drei Jahre Lebenszeit, sie ist Dorfälteste.
Ich konnte nicht mehr in unser Dorf fahren. Meine Uroma, mit der ich nicht sprechen kann, ist zurzeit in guter Verfassung.
»you should just stay here with us«
Ich protestierte, wollte bei meiner Familie dort bleiben, keine Lust, mich und andere zu gefährden. Ich hatte das Internet, meine Freunde also digital bei mir und sowohl Cousins als auch Cousinen um mich herum, die mich bespaßten, wer würde freiwillig in Einzelhaft gehen?
Ein gefragtes Restaurant mit Tanzfläche und gu- ter Musik, meiner Mutter zufolge ein beliebtes Ziel für abendliches Zusammenkommen. Gut besucht, hieß es.
Es waren kaum Gruppen da. Und die, die dort anwe- send waren, drehten schlagartig, jeder und jede Einzelne von ihnen, den Kopf, um gebannt auf die Verkündung des auf dem Bildschirm erscheinenden Staatsvertreters zu starren und für eine halbe Stunde bedingungslos zuzuhören. Die milde Ausgangssperre. Ein Schnaufen hier und da und die Erkenntnis, dass wir alle hier die Übeltäter, wir die sich amüsierenden Überträger und Gefahrenbringer waren.
»Soon here it is going to be boring too«
48 Stunden
Sechstausend vierhundert neunzig Kilometer dann vier- hundert siebenundachtzig Kilometer dann einhundert neunzig Komma sechs Kilometer macht siebentausend einhundert achtundfünfzig Komma sechs Kilometer.
Der menschliche Abstand beschränkte sich auf den Umgang. Nichts, nur der Umgang war voller Abstand. Wir waren so gut es geht bedacht. Alle Leute waren so gut es geht bedacht darin, niemandem zu nahe zu kom-
  men. Die Panik hatte längst begonnen und auf einmal befand ich mich am weitesten von allen weg, weder im einen Land noch im anderen. Gefangen dazwischen, ohne
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