Page 83 - Almanach2020
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  Information und Erkenntnis, wann das Ganze ein Ende haben würde.
Noch in Kenia, nicht in der Lage, zurückzugehen. Kein Flugzeug, das uns nach Hause bringt. Bis dann der Flug nach Frankreich eine Nacht später in Paris ankam. Fünf oder sechs bekamen Iso-Matten, 20 Meter lang die Schlange, zwei Stunden stehen und warten. Krankheit.
Maske tragen, Wasser trinken, die Medizin ist unbe- kannt weit weg. Kein Virus, nur eine Magenverstimmung, Virus oder nicht Virus: egal, da elend. »Nach Deutschland kann ich keinen Flug finden, da gibt es wohl nichts.«
»four to five minutes« oder » fortyfive minutes«
Gnade bekam ich nicht. 45 Minuten Durchschnitt.
Die Entfernung zum eigenen Bewusstsein, zur Stär- ke, die man glaubt, zu besitzen. Die Angst, von ein paar Metern in die Knie gezwungen zu werden.
»It’s not far, you almost did it«
Ich habe tatsächlich kein Wort geglaubt, was der Rescue Boy mir sagen wollte, aber ein Teil von mir zwang mich, es einfach als Tatsache hinzunehmen. Durchschnitt war ich bei Weitem nicht Die Zweifel waren nicht unbegrün- det. Schon einen Tag vorher erschien es mir wie eine unmögliche Aufgabe, wie eine Tortur in kurzen Phasen, in denen ich alle Kraft, jede Beweglichkeit verloren hatte. Dann hieß es nur noch zehn Minuten, wir gingen noch mindestens 90.
Die letzten Meter.
Das letzte Warten (zumindest hilft es, wenn man
sich das einredet) und Menschen meiden. Und dann doch von allen abhängig sein, ironische Situationen sind viel- leicht auch die Basis unseres gesamten Denkvermögens.
Sieben Tage dann noch. Dann kam auch meine Me- dizin bei mir zu Hause an.
Sieben Tage Abstand zu den Bauchschmerzen, die ich jetzt behandeln könnte. Sinnlos, versteht sich.
Sieben Tage, in denen man begreift, dass das Warten dieser sieben Tage nicht das letzte Warten ist.
Auch nicht der letzte Abstand.
Dann muss man weiter Disziplin üben und vielleicht ein bisschen wie in dem Zelt auf dem Berg warten, dass der Morgen anbricht und man weiterlaufen kann. Anstren- gend wird’s auf jeden Fall.
Endlos?
Eine ganz kleine Grenze zur Ohnmacht. Eine Entschei- dung von einer Sekunde, aber der Drill der Angst hatte mich bisher bei Bewusstsein gehalten und vor allem meinen steifen Beinen eine Stunde lang die wichtigen Schubser gegeben, die dafür gesorgt haben, dass mich niemand hinuntertragen musste. Dann hinsetzen zwi- schendurch und das hat überhaupt nicht geholfen, aber ich konnte nicht sehen, wo das Ende der Tortur war. Es WAR endlos. Ein Fieber-Marathon ohne Ziel, also noch so viele Kilometer wie es eben Kilometer sein sollten.
»we just need to get down over there«
Und dann hab ich den Jeep gesehen, auch wenn ich gar nicht mehr glaubte, dass es einen gibt, dass mich irgend- jemand retten möchte, auch wenn ich es glauben musste. Und meine Beine lechzten nach Ankunft.
Ankunft, neuer Abstand: Zwei Stunden Fahrt und immer näher zum Alleinesein. Dann vier Tage warten.
Ich schlafe JETZT ein und dann noch 60.
»Du kannst sie einfach wieder mitnehmen und zuhause zu Ende machen. Dann kannst du sie uns zuschicken.«
Die Häkeldecke, die ich für meine Uroma gehäkelt hatte, hat eine Menge mitgemacht. Jede Schlaufe war in Eile, dennoch in Leidenschaft entstanden. Jede Reihe wurde gleichmäßiger und das achte Wollknäuel hatte sich schon komplett in stetigen Handbewegungen auf- gelöst.
Wenn ich sie wieder aufribbeln würde, wäre das ganz schön viel Faden. Vielleicht reicht der Faden gerade mal bis zum Nachbarhaus. Ich möchte aber glauben, dass er endlos ist. Dass der Faden genau so lang ist wie diese Reise und die Reise ist ja noch nicht vorbei.
Die Häkeldecke habe ich beiseite gelegt, weil ich ein kleines bisschen Abstand brauche von dem ganzen Tohuwabohu.
das hat sich auch meine Mutter anders vorgestellt, kann mich nicht mal jemand zur Untersuchung bringen? Und kannst du mir dann bitte einen Song schicken? Liebe Grüße.
           







































































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