Page 84 - Almanach2020
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  Klasse Cornelius Völker
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Für einen Augenblick erschien es möglich, dass mit den Einschränkungen, die auf uns alle einbrachen, auch posi- tive Entwicklungen beginnen könnten. Reduzierte Mög- lichkeiten erzeugten ein Gefühl der Befreiung, dass das Potenzial hat, die Kreativität zu fördern, vergleichbar mit einem Restaurantbesuch in der Nacht, einen Kas- senbon mit einem Kugelschreiber bekritzelnd. Diese vermeintliche Freiheit hat sich nach kurzer Zeit ins Gegenteil verkehrt.
Corona hat keinen tiefergehenden Grund. Auch wenn ich darum bitten würde, fände ich keinen brauchbaren Sündenbock. In der plötzlichen Art, wie die Krise in un- ser Leben stürzte, wird sie nicht wieder verschwinden. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass Sinnloses durch die Entscheidungen, die wir nun nicht länger aufschieben können, einen Zweck bekommt.
Anfangs erschienen die Prioritäten klar geordnet. Die Kultur und die Studierenden dieses Landes düm- peln in dieser Liste irgendwo am Teichgrund. Ich bin frustriert. Unter der Schwelle sickert eine gewisse Wut hindurch.
Gedanken kreisen. Ich liege da und frage mich: Wann hört es endlich auf? Dieses leicht benebelte hin und her schweben, herumlaufen, herumliegen. Der Stillstand spinnt mich ein. Nichts tun können.
Ohne Arbeitsplatz.
Ohne die konkrete Verortung in und mit der Akademie wird deutlich, wie trotz der realen Tätigkeit, die Ma- lerInnen ausüben, ein Großteil des Lebens und der Be- schäftigung mit Kunst in virtuellen Räumen stattfindet. Echtzeit-Informationen und Medien aller Art führen dazu, dass man ein Leben als geistiger Nomade führt. Nur ein begrenzter Teil der Aufmerksamkeit richtet sich auf das unmittelbare Umfeld. Die Notwendigkeit einer Wohnung als Schutzraum ist unangefochten, aber der genaue Ort dieser erscheint irrelevant.
Atelierlos zu sein, hat eine tiefe Krise ausgelöst, und die Zeiten sind nicht vorbei. Das Einzige was blieb war, sich in Spontaneität zu üben, von Tag zu Tag nach neuen (räumlichen) Möglichkeiten zu suchen, Zuversicht zu be- halten und die Herausforderungen als Chance zu sehen.
Die Akademie ist zu. Ich lese. Charlotte Posenenske schreibt, »[...] dass Kunst nichts zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann.« (Brunn (Hrsg.), 2012, S. 7)
Naja ...
Eine Frage an diese Gesellschaft ist, ob und wie Kunst in ihr fortgesetzt werden kann. Das K20 zeigt Posenenske gerade jetzt. Das passt nur deshalb so gut, weil es nicht auf die Situation abgestimmt war. Wie viel Geld kann ein Kunstmarkt umsetzen, ohne dass die Mitarbeitenden davon finanziell profitieren?
Aber das sind keine drängenden Probleme. Drän- gende Probleme sind davon weit entfernt.
Wofür demonstrieren diese Leute in Berlin? Für das Recht, so zu produzieren und zu konsumieren wie ge- wohnt? Für das Recht, um den Globus zu fliegen? Für das Recht, ohne Maske umherzulaufen? Sind diese Leute auch auf den Beinen, wenn es gilt, die Rechte derer ein- zufordern, die aufgrund zukünftiger Umweltbedingun- gen ihre Lebensgrundlage, vielleicht das Leben selbst verlieren werden? Oder die Rechte derer, die sie schon jetzt verloren haben?
Dass eine Pandemie Solidarität verlangt ist klar. Die Frage ist, mit wem solidarisieren wir uns?
Online Freie Kunst zu studieren ist, ein netter Ver- such. Die digitale Ebene einzurichten, bedeutete für das Haus unsäglich viel Arbeit. Nicht zu unterschätzen ist die soziale Funktion, die die Seminare neben den vordergründigen Inhalten aufrechterhalten müssen. In anderen Zeiten sind wir da. Ich stelle meine Tasche auf den Tisch in der Mitte, schalte die Kaffeemaschine ein und ziehe alte Kleider an, die stehen vor Dreck und Far- be. Ich klebe meine Augen an die Bilder vom Vortag und beginne. Ich kann mir sicher sein, vor, während oder nach der Arbeit mit einem anderen Studierenden zu reden, zu diskutieren. Riesiger Raum, gutes Licht, zugegeben manchmal etwas feucht, im Winter kalt. Ich will mich nie wieder beschweren. Es ist wichtiger mit wem als bei wem oder wo ich studiere. Keinen dieser Faktoren hätte ich ändern wollen.
Wenn die Zahl der positiven Testergebnisse seit Mai ziemlich gleichbleibend bei ca. 1 Prozent der durchge- führten Tests liegt. Wieso wird dann (Stand August) von einem Anstieg der Fallzahlen und einer »zweiten Welle« gesprochen? Wieso werden nur die positiven Testergebnisse in der Hauptstatistik des RKI kumulativ dargestellt, aber nicht um die massiv erhöhte Anzahl der Testungen insgesamt bereinigt? Warum steht die Anzahl der positiv Getesteten im Fokus? Warum ist nicht die Anzahl der davon Infizierten, der noch Infektiösen, der Erkrankten, schwer Erkrankten und die Anzahl derjeni- gen, die hospitalisiert werden müssen ausschlaggebend für das Erlassen von Maßnahmen?
Wo hab’ ich schon wieder das verfluchte Passwort? Wir betrachten Malerei auf 22 unterschiedlich flim- mernden Hochglanz-Endgeräten und die Gesprächs- partnerInnen sitzen in kleinen schwarz gerahmten Boxen überall im Land verteilt. Wenn wir uns stumm stellen, ist es, als spräche man vor eine Wand. Ich klicke durch die Gesichterleiste an der Bildschirm-Kante, wenn ich mich während einer Bildschirmpräsentation danach sehne, die übliche Atmosphäre im Raum wahrzunehmen. Norma- lerweise huschen meine Augen zwischen den Gesichtern hin und her, wandern an den Körperhaltungen entlang in die Gestalt dazwischen. Ich kann nicht mehr lesen und verstehe nicht, was es meint, denn das Bild ist ein Abbild von einem Bild, gefiltert durch zu viele Schichten. Es wandert von meinem zu deinem Rechteck, verschlüsselt auf eine Art, die ich nicht verstehen kann. Wie groß ist dieses verdammte Etwas? Wie würde es sich im Raum verhalten? Was kann ich zu Farbe und Oberfläche über-
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