Page 88 - Almanach2020
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  Benedikt Fahrnschon
»Felix Gonzalez-Torres: Glückskekse in Zeiten von Corona«
Anfang Mai erhielt ich eine Mail von Andrea Rosen, der ehemaligen Galeristin und heutigen Vorsitzenden der Felix Gonzalez-Torres Foundation, in der sie mich einlud, an einem von ihr kuratierten globalen Ausstellungs- projekt teilzunehmen:
Felix Gonzalez-Torres
»Untitled« (Fortune Cookie Corner), 1990
Fortune cookies, endless supply
Overall dimensions vary with installation
Original installation: approximately 10,000 fortune cookies
Insgesamt wurden 1.000 Personen weltweit von Andrea Rosen und der David Zwirner Gallery, die gemeinsam den Nachlass von Felix Gonzalez-Torres verwalten, zu diesem Projekt eingeladen. Die Eingeladenen sollten sich völlig frei einen Ort aussuchen, an dem eine Version der Installation »Untitled« (Fortune Cookie Corner) von Gonzalez-Torres präsentiert wird.
Diese Arbeit gehört zu den »candy spills« von Gonza- lez-Torres, mit denen er zu Beginn der 1990er-Jahre berühmt wurde. Dabei handelt es sich um Aufschüttun- gen von Süßigkeiten – meist Bonbons, hier Glückskekse –, bei denen die BesitzerInnen und KuratorInnen im Rahmen gewisser Parameter frei über deren formale Gestaltung entscheiden können und müssen. Für das benötigte Material, also die Bonbons oder in unserem Fall die Glückskekse, müssen sie ebenso Sorge tragen.
Casino (Restaurant) der Kunstakademie Münster 25.05.–05.07.2020
Ich nahm die Einladung Rosens an und entschied mich als Ausstellungsort »meiner« Version der Arbeit für das »Casino« an der Kunstakademie Münster in Zusammen- arbeit mit Verena Püschel. Mitten im wegen der Coro- na-Pandemie leergeräumten Casino schütteten wir zu Beginn 1.000 einzeln verpackte Glückskekse zu einer Art Kegel auf. Publikum und Gäste konnten sich Glückskek- se mitnehmen, essen und die frohe Botschaft auf dem kleinen Zettel aus deren Innerem mitnehmen. Mit jedem einzelnen Eingriff des Publikums veränderte sich die Form des »spills«. Die Einzelteile des Werks verbreiteten sich mit den Beteiligten am Campus, in Münster und darüber hinaus.
Mit dem »Casino« habe ich bewusst einen Ort aus- gewählt, der viele Aspekte vereinigte: An der Kunstaka- demie war lange Zeit mein Arbeitsplatz für eine Dis- sertation über Gonzalez-Torres und außerdem ein zweites Zuhause; das Casino quasi die Küche als Ort der Zusammenkunft und des Austauschs – besonders in Zeiten von Corona, als die Akademie für die meisten nicht zugänglich war. Zugang zu Kunst und Auseinan- dersetzungen mit Arbeiten im Original wurde durch die Pandemie weltweit stark eingeschränkt. Die Installation an der Akademie als Teil eines globalen Kunstprojekts war für mich ein wichtiges Zeichen des Miteinanders und insbesondere durch die frohen Botschaften der Glückskekse auch ein kleiner Hoffnungsschimmer.
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