Page 94 - Almanach2020
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  »Wenn schon online, dann nicht aus der Konserve«
Jens Bülskämper zoomte mit Georg Imdahl über Erfahrungen mit Online-Lehre in der Pandemie.
Bülskämper: Thema Online-Lehre – welche Rückmel- dungen bekommst du aus dem eingeschränkten akade- mischen Leben?
Imdahl: Man hört bzw. liest sehr viele Stimmen aus der geisteswissenschaftlichen Community, die offenbar die Befürchtung haben, dass wir uns in einem stillschweigenden Shift zu einer Online-Lehre befin- den, die sich dauerhaft etablieren könnte, und die Präsenz-Lehre ins Hintertreffen geriete. Ich sehe diese Anzeichen persönlich nicht und habe mich durchaus gewundert, von wie wenigen Stimmen die Möglich- keiten und Stärken der Online-Lehre überhaupt erst mal benannt werden. Es liegt ja auf der Hand, wenn wir uns zurückerinnern an den letzten Mai, dass doch sehr viele Studierende, so mein Eindruck, heilfroh waren, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt, Seminare zu machen – und sie wird ja auch sehr rege angenommen. Und wir Lehrende waren ja auch froh, dass etwas stattfinden kann.
Bülskämper: Aber die Offline-Veranstaltungen werden ja nicht weniger rege angenommen.
Imdahl: Selbstverständlich! Ich sehe natürlich auch, dass viele Studierende es als Mangel empfinden, dass man sich in der Akademie nicht so treffen kann, wie man es eben gern wollte, und wir alle wissen, dass sich vieles, was das akademische Leben aus- macht, an der persönlichen Begegnung festmacht. Zoom ist ja nur ein Ersatz für Begegnung und Präsenz, insofern ist das natürlich nur die zweitbeste Lösung. Aber dass es überhaupt geht, dass sich ein bestimm- ter Lehrbetrieb aufrechterhalten lässt, zumindest was die theoretischen Seminare angeht, für die ich ja nur sprechen kann, das ist eine Möglichkeit, die ich echt schätze. Es wird gut angenommen, ich glaube, alle haben sehr hohe Besucherzahlen in ihren Seminaren. Eine Erfahrung, die ich mache ist, dass die Teilneh- merInnen auch kontinuierlich wiederkommen; dass also, was man sonst gelegentlich erlebt, zur ersten Sitzung dreißig bis vierzig Leute erscheinen und in der letzten Sitzung dann noch zwölf bis fünfzehn, was ja auch okay sein mag – diese Erfahrung habe ich online noch nicht gemacht.
Bülskämper: Was wird womöglich Usus, wenn die Pan- demie vorbei ist?
Imdahl: Da würde ich für meinen Teil eher wenig übernehmen wollen – ich bin auch ganz eindeutig für Präsenz. Zoom ist und bleibt Ersatz, das ist der Sinn
Sommersemester 2020
der Sache und da sind die Bedenken, die von den entsprechenden Stimmen geltend gemacht werden, teils auch plausibel. Natürlich führt sich ein Seminar anders, fühlt sich auch anders an, wenn man mit allen zusammen in einem Raum ist – klar. Wir reden hier von einem Programm während der Pandemie. Da nehme ich die Verlusterfahrungen der Studierenden übrigens ernster als die der Lehrenden.
Bülskämper: Was wären Befürchtungen und Szenarien, die es gilt abzuwenden, die unbefriedigend wären?
Imdahl: Wenn künftig Lecture-Gäste sagen wür- den, »lass uns das doch einfach online machen, da brauche ich nicht extra nach Münster zu kommen« – das fände ich schade, und das soll sich auch nicht einbürgern. Die Lectures leben vom Hörsaal und der Begegnung, zusammen am Tisch sitzen, die Examensausstellungen angucken. Ich werde meine Seminare natürlich wieder ganz normal in Präsenz anbieten, sobald der Grusel vorbei ist. Aber vielleicht wird es auch Fälle geben, wo sich Online hier und da als interessante Alternative erweisen kann.
Bülskämper: Ich denke, man unterschätzt für gewöhn- lich den Wert von Geselligkeit an einer Kunstakademie. Die Standardsituation ist ja die, dass man in der Casi- noschlange just neben den Leuten steht, mit denen man sich noch nie ausgetauscht hat, und dann ergibt sich ein Gespräch. Das fällt jetzt aus – man fällt auf den inne- ren Kreis seiner engen Kontakte zurück und ist primär mit den Leuten im Gespräch, mit denen man sowieso im Dialog steht; das ist ein Verlust.
Imdahl: Das trifft uns zurzeit alle und überall, es ist ein soziales Problem, das, wie du zu Recht fest- stellst, mit in die Praxis einer Akademie, überhaupt einer Hochschule hineinspielt, ob das nun eine Uni- versität oder eine Kunsthochschule ist, oder übrigens auch eine Schule.
Bülskämper: Mir hat ein Jurastudent jüngst erzählt, dass er in einem bestimmten Fachgebiet einen Profes- sor in München entdeckt hat, der alles viel spannender aufbereitet als sein Professor in Münster. Jetzt schaltet er sich immer in München zu. Könnte das nicht auch ei- ner der Effekte digitaler Lehre sein? Dass Studierende sagen, was soll ich das hier in Paderborn machen, ich schalte mich lieber – wohlgemerkt vom gemütlichen Homeoffice aus – an der Cooper Union in New York oder der Städelschule ins Geschehen ein?
Imdahl: Wenn sich das technisch überall so ma- chen lässt – dass man sich woanders umguckt –, da hätte ich überhaupt nichts dagegen und dem müssen wir uns dann auch alle stellen, das finde ich nicht
    schlimm. Die Lectures sind sowieso eine offene Ver- anstaltung. Und wenn mir dann Studierende sagen würden, »hör’ mal, ich habe dasselbe Thema neulich
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