Page 95 - Almanach2020
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  woanders gehört, die machen das total anders, näm- lich spannender, besser« – warum nicht, nur zu. Was ich aber persönlich für essentiell halte ist: Wenn on- line, dann bitteschön live. Also ich würde jetzt keine Konserve abspielen. Online-Präsenz ohne wirkliche Präsenz, da bin ich nicht dafür.
Bülskämper: Interessanter Punkt.
Imdahl: Es werden ja jede Menge Veranstaltun- gen, Talks und Lectures online gestellt, dagegen ist auch nichts zu sagen; nur finde ich eben, wenn eine Lehrperson eine Lehrveranstaltung durchführt, dann sollte sie ansprechbar sein. Es muss für die Studie- renden die Möglichkeit geben, was zu fragen, nach- zuhaken – in der Richtung muss eine Veranstaltung offen sein, und wenn die eine Konserve ist, dann kann man praktisch nur wie vor der Glotze sitzen. Und das würde ich ablehnen.
Bülskämper: Also einfach »Abstraktion 1, 2 und 3« hoch- laden, jetzt als Beispiel, also ein kunstgeschichtliches Basispaket als digitale Konserve anbieten – da ginge die Reise also auf keinen Fall hin?
Imdahl: Bei mir nicht. Dafür sind meine Veran- staltungen auch zu dialogisch angelegt; aber selbst wenn es lupenreine Vorlesungen wären und sogar Nachfragen unerwünscht, fände ich das nicht gut. Man guckt sich ja auch keinen Talk im Fernsehen aus der Konserve an.
Bülskämper: Was nervt dich bei Zoom?
Imdahl: Wie schon angedeutet: Lectures sind doch in Präsenz unvergleichlich besser. Mich nervt sonst nichts wirklich, bislang jedenfalls, ich war von Anfang an überrascht, wie gut das auch technisch geht, ja, wie viele Leute in einer Online-Sitzung miteinander kommunizieren können, ich habe mich sogar daran gewöhnt, wenn jemand sein Video abschaltet. Eine andere Sache, die ich übrigens bei den Zoom-Sit- zungen schätzen gelernt habe ist, dass ich von allen Studierenden den Namen sehe, also alle mit Namen ansprechen kann.
Wie sieht das denn bei dir aus: Nervt dich irgend- was besonders?
Bülskämper: Ich bin mir selbst noch unklar darüber, wie das einzuordnen ist – auch die Art und Weise, wie man sich gegenseitig sieht und wahrnimmt. Es gibt ja auch Stimmen, die den Eindruck haben, es wäre besonders anstrengend, über Zoom zu kommunizieren.
Imdahl: Kann ich für mich eigentlich nicht bestäti- gen. Ich finde, Lehrveranstaltungen fordern einen im- mer – da unterscheidet sich das für mich jetzt nicht so sehr. Das Einzige, was ich sagen muss: Es war anfangs echt schwierig, an eine Webcam zu kommen, es hat Wochen über Wochen gedauert, bis eine aus China ein- traf, erst dann konnte ich meine Veranstaltungen auf einem größeren Schirm und nicht nur auf dem Laptop durchführen; das fand ich vorher tatsächlich nervig, wenn man nicht alle Teilnehmer auf einmal sieht. Jetzt habe ich einen größeren Bildschirm und da passen bis
zu fünfzig Fenster mühelos drauf. Dann gibt es noch so ein paar kleine Nebeneffekte, die mich beschäfti- gen: Warum fällt es einem relativ schwer, direkt in die Kamera zu gucken, um dem Gegenüber das Gefühl zu suggerieren, man schaue ihm in die Augen – wie es ein Mensch vom Fernsehen ganz selbstverständlich tut? Das habe ich bis jetzt nicht geschafft, mir an- zugewöhnen; ich weiß nicht warum, aber irgendwie guckt man dann doch auf sein Bildschirm-Gegenüber und also daran vorbei. Das sind so Sachen, die fallen mir auf, rein visuell ...
Bülskämper: ... das sind eben genau diese kleinen Ver- schiebungen zum Real Life ...
Imdahl: ... die gibt es, aber vielleicht liegt das ja auch daran, dass wenn man sich angewöhnte, immer in die Kamera zu schauen, dann würde man sich ja praktisch vollends in die Baudrillardsche Hyperrealität begeben; dann täte man ja so, als guckte man jeman- dem in die Augen – man weiß aber natürlich, dass es nicht stimmt und vielleicht will man eben dieses Spiel mit den Realitätsebenen und dessen Perfektionierung nicht komplett mitmachen und die Differenzen zwi- schen den Ebenen doch lieber aufrechterhalten. Inso- fern ist das natürliche, ganz konventionelle Verhalten eben, auf den Bildschirm zu gucken und nicht in die Kamera, obwohl man weiß, dass man dadurch an der Person vorbeischaut.
Bülskämper: Online gibt’s ja womöglich auch den Faktor ›Fake-Präsenz‹ – dass Leute sich vermeintlich einschal- ten, aber dann doch spülen oder erst mal was kochen ...
Imdahl: Das mag so sein, aber das würde auch gegen die Veranstaltung sprechen: Es sollte doch so sein, dass gar keiner rausgehen will.
            



















































































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