Zwischen Stahl und bunten Fäden: Kinder gestalten Demokratie mit Kunst
Münster. Wie entsteht Demokratie? Manchmal beginnt sie mit einem Gespräch – manchmal auch mit einem farbigen Band, einer selbstgebauten Brücke oder einer Knetfigur. Dass Kunst im öffentlichen Raum zum Ausgangspunkt für Dialog, Kreativität und demokratisches Handeln werden kann, erlebten Grundschulkinder der Wartburg-Grundschule Münster gemeinsam mit Studierenden der Kunstakademie Münster bei einem besonderen Projekt auf dem Platz des Westfälischen Friedens.
Im Seminar „Flanieren im Stadtraum – Eine Form der künstlerischen Demokratiebildung“ erforschten die Studierenden gemeinsam mit den Kindern die Skulptur „Toleranz durch Dialog“ des spanischen Bildhauers Eduardo Chillida. Das Kunstwerk befindet sich hinter dem Friedenssaal des Historischen Rathauses – jenem Ort, an dem 1648 der Westfälische Frieden ausgehandelt wurde und der Dreißigjährige Krieg sein Ende fand.
Die beiden massiven, einander gegenüberstehenden Stahlbänke erinnern an die damaligen Verhandlungen. Obwohl sie kaum zum Sitzen einladen, erzählen sie von Begegnung, Zuhören und Verständigung. Licht und Schatten verbinden die beiden Elemente der Skulptur und machen sichtbar, was auch Demokratie auszeichnet: Beziehungen entstehen dort, wo Menschen miteinander in Dialog treten.
Nach einer gemeinsamen Erkundung des historischen Ortes und der Skulptur diskutierten Kinder und Studierende über Frieden, Toleranz und die Bedeutung öffentlicher Kunst. Anschließend wurde der Platz selbst zum Experimentierfeld. Beim Flanieren erkundeten die Kinder den Stadtraum mit offenen Augen und allen Sinnen, bevor sie in kleinen Gruppen eigene künstlerische Ideen entwickelten.
Drei Projekte machten das Thema Demokratie auf unterschiedliche Weise erfahrbar. Im Projekt „Fäden des Dialogs – Demokratie verbindet“ spannten die Kinder farbige Bänder zwischen den beiden Stahlbänken. So entstand ein dichtes Netz aus Verbindungen – ein sichtbares Zeichen für Austausch, Zusammenhalt und demokratisches Miteinander. Beschriftete Perlen mit Begriffen wie Respekt, Frieden oder Vielfalt verliehen den einzelnen Verbindungen eine persönliche Bedeutung. Polaroid-Fotografien hielten die vergängliche Installation fest.
Im zweiten Projekt „Die Knetenden“ entstanden aus bunter Knete kleine Figuren, die auf einer aus Pappe und Klebeband gebauten Brücke zwischen den beiden Bänken platziert wurden. Die Brücke wurde zum Symbol dafür, Distanzen zu überwinden, aufeinander zuzugehen und neue Begegnungen zu ermöglichen.
Unter dem Titel „Dem Platz des Friedens auf der Spur“ begaben sich die Kinder auf Spurensuche rund um die Skulptur. Mit Wachsmalblöcken fertigten sie Frottagen von Inschriften, Oberflächen und Friedenssymbolen an Mauern und Bodenplatten an. Aus den Abreibungen entstand anschließend eine gemeinsame Collage, die den historischen Ort aus der Perspektive der Kinder neu sichtbar machte.
Bei der abschließenden Präsentation unter dem Motto „Brücken bauen – Demokratie gestalten“ stellten die Gruppen ihre Arbeiten vor und reflektierten gemeinsam ihre Erfahrungen. Deutlich wurde dabei: Demokratie lässt sich nicht nur erklären – sie kann erlebt, gestaltet und gemeinsam ausgehandelt werden. Die Kinder lernten, Ideen zu entwickeln, Entscheidungen gemeinsam zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und unterschiedliche Sichtweisen wertzuschätzen.
Die künstlerischen Interventionen machten sichtbar, wie öffentlicher Raum zu einem Ort demokratischer Bildung werden kann. Durch die kreative Auseinandersetzung mit der Skulptur entstand ein neuer Blick auf Geschichte, Gegenwart und gesellschaftliches Zusammenleben. Kunst wurde dabei zum Medium der Begegnung – auch ohne Worte.
Mit großer Begeisterung gestalteten die Studierenden der Kunstakademie Münster und die Kinder der Lerngruppe „Wüstenspringmäuse“ der Wartburg-Grundschule den öffentlichen Raum neu. Ihre temporären künstlerischen Transformationen der Skulptur machten deutlich, dass Demokratie dort beginnt, wo Menschen gemeinsam handeln, gestalten und Verantwortung für ihre Umgebung übernehmen. Die Skulptur „Toleranz durch Dialog“ wurde so selbst zum Sinnbild dafür, Brücken zwischen Menschen zu bauen und Vielfalt als Stärke einer demokratischen Gesellschaft zu begreifen.
Das seit 2009 von der Diplom-Kulturpädagogin Antje Dalbkermeyer (Kunstakademie Münster) initiierte kunstdidaktische Kooperationsprojekt wird gemeinsam mit der Lehrbeauftragten Sabine Lenz (Wartburg-Grundschule Münster) kontinuierlich weiterentwickelt, praktisch umgesetzt und wissenschaftlich reflektiert. Die fotografische Dokumentation des Projekts übernahm Anastasia Teodora Comănescu von der Kunstakademie Münster.
